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Gustav Gabriel Cohn * 1863

Dillstraße 15 (Eimsbüttel, Rotherbaum)


HIER WOHNTE
GUSTAV GABRIEL
COHN
JG. 1863
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 10.9.1942

see:

further stumbling stones in Dillstraße 15:
Siegbert Stephan Frankenthal, Pauline Frankenthal, Lothar Frankenthal, Judith Moritz, Margot Moritz, Siegmund Nissensohn, Aron Julius Rosemann, Werner Streim, Dr. Siegfried Streim, Sulamith Streim, Johanna Streim, Kurt Salo Streim, James Tannenberg, Senta Tannenberg

Gustav Gabriel Cohn, geb. 16.7.1863 in Rawitsch/Polen, am 16.7.1942 deportiert nach Theresienstadt, Tod dort am 10.9.1942

Dillstraße 15, Eimsbüttel, Rotherbaum

Gustav Gabriel Cohn, am 16. Juli 1863 geboren, besuchte das Gymnasium in seiner Geburtsstadt Rawitsch, damals Provinz Posen in Preußen. Danach ging er als Volontär und Angestellter zu Bankhäusern in Karlsruhe und Berlin. In Berlin arbeitete er selbständig im Bankfach und zog nach seiner Verheiratung zu seiner Frau Ella Levy, geb. am 17. Juli 1863 in Hamburg, und ihrer Familie nach Hamburg.
Seine Frau brachte die für damalige Verhältnisse hohe Summe von RM 100.000 als Mitgift in die Ehe ein.

Gustav Gabriel und Ella Cohn hatten sechs Söhne: Marcus/Markus (er nannte sich später Marcos), geb. 30. Januar 1893, Leon, geb. am 10. Oktober 1894, Walter Nathan, geb. am 17. November 1895, Sally, geb. am 22. Oktober 1900, Simon, geb. am 10. Januar 1904 und Adolph, geb. am 19. Januar 1910. Die Familie lebte in einer 6-Zimmerwohnung in der Grindelallee 166.

Der Sohn Marcus Cohn schrieb später: "Wenn meine Eltern, gemäss ihrer Erziehung in ihrem Elternhause auch jedem äußeren Pomp abgeneigt waren und ein Leben in Hingabe an ihre religiösen und ethischen Ideale führten, so haben sie doch, entsprechend ihren Vermögensverhältnissen, bei der Eheschliessung sich so eingerichtet, dass sie in Bequemlichkeit leben konnten, so, wie es dem Milieu und der sozialen Schicht, der sie entstammten, entsprach. Meine Eltern hatten zwei Hausangestellte, solange meine Mutter lebte. Wir bewohnten seit 1897 - bis zur Auflösung des Haushalts zu Zeiten des Nationalsozialismus - eine s e h r geräumige 6-Zimmerwohnung (Erdgeschoss), die 1.800 Mark Jahresmiete kostete. Diese Wohnung war durch den Umbau einer der wenigen herrschaftlichen Häuser entstanden, die es früher in der Grindelallee gab und das Haus war vor dem Umbau eine vornehme grosse Villa; in dem Hause, das ausser dem Erdgeschoss auch nur zwei Stockwerke hatte, war daher auch in jedem Stock nur eine Wohnung und in dem hinteren Teil des Grundstückes waren Remise und Stall des früheren Eigenbesitzers. Eine besondere Zierde der Wohnung war ein ausnahmsweise grosser Saal, von mindestens 30, wenn nicht 40 Quadratmetern, mit Parkettfussboden und zwei sehr feinen eingebauten, besonders breiten Spiegeln in der ganzen Höhe des Zimmers. [...] Wir hatten streng rituelle Küche, nach Vorschrift der jüdischen Religion, Fleischmahlzeiten streng getrennt von den mit Milch zubereiteten gehalten und außerdem hatten wir für die Mahlzeiten am 8 tägigen Osterfest - ebenfalls in der erwähnten Trennung nach ‚fleischding‘ (altdeutsche Adjektivbildung) von ‚milchding‘ - anderes Geschirr und andere Bestecke und alles Geschirr und andere Bestecke als im übrigen Jahr. Hieraus ergibt sich, dass alle Bestecke und alles Geschirr in mehrfacher Anzahl vorhanden war."

Ella Cohn starb am 19. Februar 1917.

Gustav Gabriel Cohn war Fondsmakler. Sein Schwager Sigfried Levy schrieb dazu nach dem Krieg: "Mein Schwager war nach seiner Eheschließung als Fondsmakler an der Hamburger Wertpapierbörse tätig. Er erfreute sich dort wegen seiner Beschlagenheit und seiner beruflichen Integrität allgemeiner Wertschätzung, die auch darin ihren Ausdruck fand, dass der Börsenvorstand ihn zum notierenden Makler zur Festsetzung der Kurse ernannte. Obwohl mein Schwager bei Antritt der nationalsozialistischen Herrschaft bereits das 69. Lebensjahr erreicht hatte, war er doch noch von einer ungemeinen körperlichen und geistigen Rüstigkeit, sodass durchaus angenommen werden muss, dass er seinen Beruf noch viele Jahre hätte fortsetzen können, wenn er nicht später durch die Maßnahmen des Nationalsozialismus zur Aufgabe gezwungen worden wäre."

Der Vorstand der Hanseatischen Wertpapierbörse Hamburg äußerte sich 1958: "... und erlauben uns, Ihnen mitzuteilen, dass Herr Cohn viele Jahre als Fondsmakler an der Hamburger Wertpapierbörse tätig war und aus Altersgründen - nach Vollendung des 71. Lebensjahres - im Jahre 1933 nicht wieder ernannt wurde. Anschließend war Herr Cohn als selbständiger Bankier zum Börsenbesuch zugelassen. Erst später stellte sich heraus, daß er im Jahre 1933 nur ein Vermögen von RM 10.000 gehabt hat. Nach Verbrauch dieser Summe wandte er sich im März 1937 an den Vorstand des Vereins der Mitglieder der Wertpapierbörse in Hamburg, dem er darlegte, daß er vollkommen vermögenslos sei. Er erhielt daraufhin bis einschließlich Mai 1938 eine Unterstützung von RM 150,-- pro Monat. Herr Cohn erfreute sich an der Börse als Makler eines sehr guten Rufes und galt als hoch respektabel. Bei den von Herrn Cohn betreuten Werten handelte es sich hauptsächlich um ausländische Fonds. Zu einem Vermögen ist Herr Cohn jedoch nie gekommen."
Leon Cohn widersprach der Aussage, sein Vater sei aus Altersgründen nicht wiederernannt worden und gab an, dass die Nichternennung erfolgte, weil sein Vater Jude war. Der ausgezeichnete Ruf und die herausragenden Fähigkeiten als Makler wurden auch von einigen früheren Kollegen und Geschäftspartnern bestätigt.

Im Mai 1922 zog sich Gustav Cohn einen Oberschenkelbruch zu, als er beim Verlassen eines Eisenbahnzuges stürzte. Die folgenden Monate konnte er seinen Beruf kaum ausüben, da er "sich keinen Angestellten hielt", wie sein Sohn Sally schrieb. Sally schilderte die wirtschaftliche Lage seiner Familie zu dieser Zeit als prekär und ersuchte die Justizverwaltung um eine Unterhaltsbeihilfe zu seinem Studium. Nach neun Monaten war Gustav Cohn immer noch nicht genesen.

Gustav Gabriel Cohns besonderes Interesse hatte schon immer allem gegolten, was jüdische Kultur und religiöse Inhalte des Judentums betraf. Daher baute er sich eine entsprechende Bibliothek auf. Er war neben dem Gymnasium auch privat durch Hauslehrer in jüdischem Wissen unterrichte worden, u.a. durch die späteren Professoren Hoffmann und Berliner. In jüdisch-theologischen Kursen und täglichem Selbststudium vertiefte er sein Wissen über die Jahre.
Zur Bibliothek seines Vaters gab Marcus Cohn an: "Sie bestand ausschließlich aus Judaica et Hebraica. Wenn Rechtsanwalt Dr. Spitzer, der die Liste über die Bücher aufstellte, die Bibliothek auch sehr gut aus eigener Benutzung kannte, - er ist selbst ein eifriger Forscher und heutzutage auch Lehrer in England auf, bzw. in den Spezialgebieten aus deren Werken sich die Bibliothek meines Vaters hauptsächlich zusammensetzte (und auch der Vater von Dr. Spitzer, der verstorbene Oberrabbiner von Hamburg, befragte die Bücher zuweilen), so dürfte die Liste doch zum grössten Teil in Zusammenarbeit mit meinem Bruder Sally aufgemacht sein. [...] Aus eigenem Wissen kann ich sagen, dass in der Bibliothek meines Vaters Werke waren, die heute wahrscheinlich in der ganzen Welt - wenn überhaupt - sehr schwer zu ersetzen sein werden, ... und in Deutschland schon ganz und garnicht. [...] Mein Vater hatte in erster Linie Bibelausgaben mit verschiedenen Übersetzungen und Kommentaren, Talmud-Ausgaben mit Kommentaren und viele Werke der Literatur über den Talmud, insbesondere solche, in denen die religionsgesetzlichen Vorschriften des Talmud näher erforscht und diskutiert wurden und hierin war seine Spezialität wieder die Frühzeit der religionsgesetzlichen Dezisoren, der sogenannten ‚Rischonim‘. Aber neben diesen Werken waren auch solche anderer Wissensdisziplinen des weiten Gebietes der Judaica vertreten und von Maimonides waren neben seinem grossangelegten religionsgesetzlichen ‚Mischneh Torah‘ auch sein religionsphilosophisches Hauptwerk ‚Der Führer der Verirrten‘ und andere Bücher dieses Autors da, zusammen mit anderen religionsphilosophischen Werken des mittelalterlichen Judentums. Es kamen hinzu alte Bibelkonkordanzen (so die von Buxtorf, einem christlichen Hebraisten um 1600 herum - mein Vater hatte diese vielleicht älteste Bibelkonkordanz in einer der ersten Ausgaben) und (besonders ältere) klassische Werke der hebräischen Linguistik: Grammatiken der hebräischen Sprache, Wörterbücher, geographische Bücher über Palästina und als ganz besonderes Lieblingsgebiet: Werke der ‚Massorah‘, das ist die Wissenschaft, die sich mit der genauen Feststellung des ursprünglichen Bibeltextes und seiner Varianten in den verschiedenen Ausgaben befasst."

Die Sammlung umfasste auch zwei Tora-Rollen. Der Gutachter, ein Bibliotheksrat der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, sprach nach dem Krieg von 270 bis 280 Werken in 440 bis 450 Bänden. Tatsächlich waren es wohl noch deutlich mehr.

Dr. Alexander Spitzer, nach dem Krieg in London wohnhaft, Sohn des Oberrabbiners Samuel Spitzer, der von 1910 bis zu seinem Tod 1934 Oberrabbiner in Hamburg war, gab an: "Mein Vater war mit Herrn Gustav Cohn, damals wohnhaft in der Grindelallee in Hamburg, eng befreundet, und auch ich war mit ihm in Freundschaft verbunden. Herr G. Cohn war sowohl uns beiden als auch in weiten interessierten jüdischen Kreisen in Hamburg bekannt als der Besitzer einer äusserst wertvollen Bibliothek von Hebraica und Judaica, enthaltend seltene Werke und besonders kostbare Erstausgaben. Ich erinnere mich seines Bibliotheksraumes in seinem Hause, eines richtigen Saales, vollgepackt mit wohlgeordneten Büchern auf eigens für diesen Zweck angefertigten Schränken und Regalen. Obwohl mein Vater als Oberrabbiner selbst eine grosse hebräische Bibliothek besaß, hat er fortlaufend von Herrn Cohns Büchersammlung für seine Studien und Lehrkurse in weitem Maße Gebrauch gemacht, da viele Bücher, die er nicht besaß, dort vorhanden waren. [...] Es war allgemein bekannt, dass Herr Gustav Cohn, der früher sehr wohlhabend und auch später in guten Verhältnissen war, für seine persönlichen Bedürfnisse sehr bescheiden war und dagegen von früher Jugend an stets große Beträge und all seine Ersparnisse auf die Erwerbung und Erweiterung seiner jüdischen Büchersammlung verwendete, die für ihn wichtige und heilige Lebensaufgabe geworden ist."

1962 konnten 42 Werke aus der Bibliothek von Gabriel Gustav Cohn in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg aufgefunden werden. Sie wurden der Jüdischen Gemeinde zur Rückgabe überlassen.

Siegfried Levy, der Schwager von Gustav Gabriel Cohn gab an: "Neben seinem Beruf galt das Interesse meines Schwagers vor allen Dingen den jüdischen Wissenschaften. Jede freie Minute, die er [in] seinem Beruf erübrigen konnte, widmete er dem Studium der jüdischen Gesetzeslehre und der verwandten Disziplinen." In einem Gutachten nach dem Krieg hieß es: "Bei den aufgeführten Werken handelt es sich bis auf ganz wenige Ausnahmen um wichtigere, oft mehrbändige Werke; minderwertige Literatur fehlt fast völlig. [...] Die Bibliothek dürfte eine Büchersammlung dargestellt haben, mit deren Hilfe es einem jüdischen Theologen möglich war, selbständig wissenschaftlich zu arbeiten."

Friedrich Kohn, Sohn des Rabbiners Josef Kohn beschrieb, dass sowohl sein Vater als auch er selbst die Bibliothek von Gustav Gabriel Cohn zu Studienzwecken genutzt hatten. "Es kam ihm [d.i. Gustav Gabriel Cohn] wohl nie in den Sinn, in einer Zeit, als die Bücher noch einen Handelswert darstellten, wenigstens einen Teil zu verkaufen. Er nahm vielmehr die Bibliothek geschlossen nach der Klosterallee [mit]. Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen Abschiedsbesuch im Februar 1941 in der Klosterallee, wo er bei Auerbach einen saalartigen Raum immer hatte [sic!], dessen Wände mit Schränken ausgefüllt waren, wo er so ganz von seinen geliebten Büchern umgeben war."

Als Gustav Gabriel Cohn die Wohnung in der Grindelallee 166 um 1936 aufgab, verschenkte er einen Teil des Mobiliars, einen anderen lagerte er bei seinem Schwager Leon Levy ein. "Einen Teil nahm der liebe Papa mit zur Klosterallee, wo er bei Auerbach ein sehr großes und ein kleines Zimmer hatte und auch einiges im Keller unterbringen konnte. [...] Als die Juden auf einige wenige Häuser ‚zusammengelegt wurden‘ und der liebe Papa schliesslich mit Auerbach in das der Gemeinde gehörige Haus in der Dillstraße kam, hat er natürlich bis auf einen ganz kleinen Teil alle Möbel aufgeben müssen".

In der Klosterallee bewohnte Gustav Gabriel Cohn zwei Zimmer in der Wohnung von Joseph und Rosa Auerbach (siehe www.stolpersteine-hamburg.de), die, nachdem Joseph Auerbach der Großhandel mit Arzneimitteln und Apothekenzubehör verboten worden war, einige Zimmer an Pensionsgäste untervermieteten.
Siegfried Levy schrieb im Rahmen der Wiedergutmachung: "Als mein Schwager durch die Maßnahmen des Nationalsozialismus zur Aufgabe seines Berufes gezwungen wurde, [...] musste die Wohnung in der Grindelallee 166, welche mein Schwager mit seiner Familie 40 Jahre innehatte, aufgegeben werden und mein Schwager begab sich in eine Pension Auerbach in der Klosterallee. Er bewohnte dort ein sehr großes und ein kleineres Zimmer. Die Mehrzahl der bisher vorhandenen Möbel, die Bibliothek, die Silbersachen sowie der übrige Hausrat wurden dorthin gebracht. Wertlosere Möbel, wie Küchen- und Mädchenzimmer-Einrichtung wurden auf dem Speicher der von mir und meinem Bruder betriebenen Handelsfirma eingelagert." Die eingelagerten Sachen wurden teilweise verkauft und der Erlös wurde Gustav Gabriel Cohn zum bestreiten seines Lebensunterhalts übermittelt.

Im Juli 1942 musste er in ein Judenhaus in der Dillstraße 15 ziehen. Joseph und Rosa Auerbach hatten dort eine Wohnung im 1. Stock zugewiesen bekommen. Gustav Gabriel Cohn wohnte gemeinsam mit Oskar Mainz in einem Zimmer in der Wohnung.

Die Lebensbedingungen in den "Judenhäusern" waren schlecht, denn die dort eingewiesenen Menschen mussten sich Zimmer und Wohnungen teilen und lebten so in räumlicher Enge mit anderen jüdischen Verfolgten. In der "qualvollen Enge mussten jüdische Funktionäre so manchen Streit unter den Bewohnern schlichten. Die Belegungsdichte wurde ständig erhöht, die vorgesehenen 8 qm pro Person oft unterschritten," heißt es in einer späteren historischen Studie.

Am 15. Juli 1942 wurde Gustav Gabriel Cohn gemeinsam mit den Auerbachs und Oskar Mainz nach Theresienstadt deportiert. Er verstarb dort am 10. September 1942.

Der Hausstand von Oskar Mainz und Gustav Gabriel Cohn wurde gemeinsam zugunsten des Deutschen Reiches versteigert.

Das Schicksal der Söhne
Der Sohn Marcus Cohn war am 30. Januar 1893 in Hamburg geboren worden. Nach dem Besuch der Talmud-Tora-Schule ging er 1908 nach Frankfurt/Main und besuchte eine Talmud-Hochschule. In privatem Unterricht lernte er Englisch. Nach ca. 9 Monaten kam er nach Hamburg zurück und besuchte die Handelsschule Krone, um sich "in einzelnen kaufmännischen Fächern ausbilden zu lassen". Nach seiner Lehrzeit bei dem Hausmakler Edm. L. Wiener in Hamburg blieb er noch bis etwa 1913 dort und wechselte anschließend zum Hausmakler Carl Norden (siehe www.stolpersteine-hamburg.de).

Bei Kriegsbeginn wurde er eingezogen und dem Infanterieregiment No. 76 und dem Preußischen Infanterieregiment 31 zugeteilt. Nach seiner Ausbildung meldete er sich 1915 an die Westfront, wo er an verschiedenen Orten u.a. in einer Fesselballon-Abteilung eingesetzt war. Im Januar 1919 wurde er nach Hamburg entlassen.

Er gründete mit Unterstützung seiner Familie die Hausmaklerfirma Marcus Cohn jr. Die Firma wurde im November 1921 ins Handelsregister als "Einzelkaufmannsfirma" eingetragen. Der Firmensitz war in der Johnsallee 56, wo er auch wohnte. Er betrieb die Firma bis zu seiner Auswanderung 1937. Sein Geschäft bestand u.a. in der Vermittlung von Hypothekenverträgen und der Vermittlung von Grundstücksgeschäften.

Er ging zuerst 1937 nach Amsterdam, wo sein Bruder Adolph bereits lebte. Am 20. Mai 1938 fuhr er von Marseille mit dem Schiff "Florida" nach Argentinien. Mangels anderer Möglichkeiten verkaufte er in Argentinien elektrische Spezialdrähte und elektrisches Zubehör für Heizapparate und Industrieöfen.
In Argentinien nannte er sich Marcos. Marcus Cohn verstarb am 1. August 1971.

Er hatte 1963 über sein Verhältnis zu seinen Geschwistern geschrieben: "Wir Brüder hatten uns alle sehr lieb und standen immer sehr gut zueinander, haben aber die menschlichen Qualitäten geschätzt und die sehr nahe Familienbande [sic!] hat uns aneinandergeknüpft; um die beruflichen Tätigkeiten der Brüder haben wir uns aber kaum gekümmert, ebensowenig wie um ihr Einkommen."

Walter Cohn war am 17. November 1895 in Hamburg geboren worden. Er besuchte die Talmud-Tora-Realschule und absolvierte nach Abschluss der Schule eine Lehre in dem Metallhandel von Louis Benzian in den Hohen Bleichen 35. Nach seiner Lehre verblieb er als Angestellter in der Firma. Am 15. Oktober 1917 meldete er ein Gewerbe als Kaufmann an und machte er sich mit einer Handelsfirma selbständig. Nach dem ersten Eintrag im Hamburger Adressbuch von 1919 handelte er mit Metallen, Chemikalien und Gummi. Die Firma hatte ihren Sitz im Neuen Wall 71. Privat wohnte Walter Cohn in der Grindelallee 166. Später konzentrierte er seinen Handel mit "plastischen Massen" auf Zelluloid und Filmabfälle. Die Firma wurde am 18. September 1920 ins Handelsregister eingetragen.

Walter Cohn war verheiratet mit Rahel Cohn, geb. Hirschberg, gesch. Pappenheim, geb. am 24.4.1895 in Frankfurt/Main. Ein Bruder schrieb nach dem Krieg: "Er heiratet in den Jahren 1920/25 eine unschuldig geschiedene Dame, Tochter des Rektors einer jüdischen Schule in Frankfurt a.M., aus einer angesehenen jüdischen religiösen Familie. Seine Gattin brachte einen Sohn von vielleicht einem Jahr aus der ersten Ehe in die Ehe und mein verstorbener Bruder hing mit unendlicher Liebe an das Kind [sic!]. Mein Bruder, der mit seiner Frau und deren Kind aus erster Ehe in Auschwitz umkam, hätte sich vor der Deportierung retten können, denn er hatte zu diesem Zeitpunkt mit seiner Frau bereits Affidavit für USA. Aber er lehnte es ab, ohne den Sohn der Gattin aus erster Ehe fortzugehen, für den noch kein Affidavit vorlag, denn das Kind hatte durch den Vater die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit. So ist der Tod meines Bruders besonders tragisch, der aus Liebe zu seinem Stiefsohn umkam, nachdem er es abgelehnt hatte, nach der Schweiz zu gehen."

Walter und Rahel Cohn hatten keine gemeinsamen Kinder. Sie wohnten in der Klosterallee 67 in einer 4 oder 5 Zimmerwohnung, "die mit modernen Möbeln ausgestattet" war. Die Familie besaß ausreichend Geschirr und Besteck, um den religiösen Speisevorschriften folgen zu können. Walter Cohn verfügte wie sein Vater über eine Bibliothek mit geographischen Werken, Reiseliteratur, deutschen Klassikern und jüdisch-religiösen Werken.

Um 1939 verzogen sie in die Eppendorfer Landstraße 30. Letztendlich wurden sie in einer Wohnung im Durchschnitt 8 einquartiert, von wo aus sie deportiert wurden. Im Durchschnitt 8 hatten sie vermutlich nur noch ein Zimmer zur Verfügung.

1938 hatte man überlegt, ob die Fortführung der Firma Walter Cohns im volkswirtschaftlichen Interesse sei. Dies wurde offenbar bejaht, denn für die Firma wurde 1940 ein Henry Fick als Treuhänder eingesetzt, da die "Arisierung nicht beabsichtigt" sei. 1941 übernahm die Firma K. Joh. Schmidt & Co. aus dem Neuen Wall, die der Tochter von Henry Fick gehörte, den Teil der Firma, der sich mit dem "Vertrieb von Abfällen plastischer Massen" befasste. Henry Fick verstarb 1947. Das Firmenvermögen Walter Cohns wurde nach der Deportation von der Oberfinanzdirektion eingezogen. Die Firma war 1951 noch im Handelsregister verzeichnet, wenngleich ohne Geschäftstätigkeit, und wurde 1955 aus dem Handelsregister gelöscht.

Nach Angaben seines Bruders Marcus war Walter Cohn, "soweit er nicht durch sein Geschäft gebunden war, [...] besonders in humanitärer Beziehung tätig, privat und in Organisationen. Leider war sein Gesundheitszustand durch ein nervöses Asthma beeinträchtigt, und liess ihn nicht so arbeiten, wie er es selbst gewollt hätte."

Rachel Cohn musste Zwangsarbeit im "Rüstungsbetrieb Steen & Co., Hamburg-Lockstedt", einer "Hanfspinnerei", leisten. Die 1901 gegründete Firma saß nach ihrem Eintrag im Hamburger Adressbuch von 1938 in der "Horst-Wessel-Allee 104 - 106", der heutigen Stresemannallee. Sie fuhr täglich mit Hochbahn und Straßenbahn zur Firma. Ihr Mann beantragte, dass sie ihren Lohn, "etwa zwischen RM 85,-- bis RM 90,-- pro Monat", außerhalb der "Sicherungsanordnung", die für sein Geschäftsvermögen ergangen war, nutzen dürfe. Er schrieb: "Der Verschleiß an Kleidungsstück [sic!] und Schuhzeug ist in dem Betrieb ein besonders großer. Es geht dieses daraus hervor, dass seitens der Firma Steen ein Zuschlag -sog. Staub- und Schmutzgeld- zur Auszahlung kommt. Ich möchte ferner erwähnen, dass meine Frau vor etwa 4 -5 Wochen ein Paar absolut neue Holzschuhe mit in die Fabrik nahm, die heute bereits, infolge restloser Abnutzung der Holzschuhe, nur noch hauchdünne ist, kaum noch nutzungsfähig sind."

Bei Walter und Rahel Cohn lebte Norbert Pappenheim, Rahels Sohn aus erster Ehe. Ob eine (entfernte) Verwandtschaft bestand, ist nicht bekannt. Er war am 1. August 1922 in Hamburg geboren worden. Als Berufsbezeichnung wurde 1942 "Lehrling" vermerkt. Walter und Rahel Cohn wurden gemeinsam mit Norbert Pappenheim am 11. Juli 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Aus den Transportunterlagen geht hervor, dass er aufgrund seines Vaters slowakischer Staatsangehöriger war. Marcus Cohn schrieb, er habe die "tschechoslowakische Staatsangehörigkeit". Die tatsächliche Staatsangehörigkeit ist nicht mehr zu klären.

Leon Cohn war am 10. Oktober 1894 in Hamburg geboren worden, hatte die Talmud-Tora-Schule und dann von 1910 bis 1913 eine kaufmännische Lehre absolviert. "Von 1913 bis 1914 widmete ich mich meiner sprachlichen Ausbildung, da ich beabsichtigte, ins Ausland zu gehen. Dieses Vorhaben scheiterte am Ausbruch des Ersten Weltkrieges." Er leistete ab Mai 1915 Kriegsdienst, u.a. als Infanterist und Militär-Dolmetscher.

Nach dem Krieg gründete er ein Handelsunternehmen, das sich "mit der Belieferung von Filzfabriken und Spinnereien mit entsprechenden Rohstoffen befasste". Gleichzeitig schrieb er sich an der Universität Hamburg ein und hörte Vorlesungen zu Nationalökonomie und Geschichte. Da ihn sein Handelsgeschäft nicht befriedigte, löste er es auf.

Von 1928 bis 1930 war er dann Sekretär beim "Internationalen Bund der Opfer des Krieges und der Arbeit" am Rödingsmarkt. Er vertrat die Ansprüche von "Kriegs- und Arbeitsopfern" vor den Verwaltungsbehörden und Spruchinstanzen. 1930 wurde er wegen politischer Differenzen entlassen und es kam zur Gründung des "Proletarischen Bund der Kriegs- und Arbeitsopfer" am Dammtorwall. Dort setzte er seine Arbeit fort, bis sich der Verband im April 1933 auf Druck der Gestapo auflöste.

Die Arbeit im "Proletarischen Bund" übte er ehrenamtlich aus. Er lebte von Ersparnissen und von sozialpolitischen Artikeln, die er für Periodika der Arbeiterbewegung, z.B. die Zeitschrift "Gewerkschaftliche Monatshefte" oder die "Sozialistische Arbeiterzeitung" verfasste.

Er wohnte damals in der Stamannstraße 6 in Hamburg zur Untermiete. Im Juli 1933 wurde seine Wohnung von der Gestapo durchsucht. Grund waren Ermittlungen gegen die illegale Zeitung "Sozialistische Arbeiterpartei", zu deren führenden Funktionären in Hamburg er nach eigener Aussage gehörte. Da er bereits vorher durch Hausdurchsuchungen und vorübergehende Festnahme von der Gestapo verfolgt und sein Reisepass eingezogen wurde, ging er nach Berlin, lebte dort illegal durch Freunde unterstützt und setzte seine politische Arbeit fort.

Die Lebensbedingungen in Berlin waren von ständiger Verfolgung und Entbehrungen geprägt. Nach weiteren Verfolgungsmaßnahmen der Gestapo flüchtete er im Juli 1934 in die Tschechoslowakei. Am 22. November 1935 wanderte er nach Haifa in Palästina aus. Am 30. Juli 1936 heiratete er Ruth Horowitz, geb. am 3. September 1907 in Berlin. Bis 1943 war er arbeitslos und arbeitete danach als Buchhalter. Im Oktober 1967 kehrten beide wieder nach Hamburg zurück.
Leon Cohn starb am 30. Oktober 1969, seine Frau war zu diesem Zeitpunkt bereits in Hamburg verstorben.

Simon Cohn wurde am 10. Januar 1904 in Hamburg geboren. Er gab als seinen Beruf "Kaufmännischer Angestellter" an und soll als Haus- und Hypothekenmakler tätig gewesen sein. Die Jüdische Gemeinde führte ihn als Handlungsgehilfen. Er war ledig und lebte nach Angaben der Brüder sehr bescheiden. Er wohnte u.a. in der Brahmsallee 15 bei Behrend und zuletzt in der Hansastraße 60 bei Cohn.

Simon Cohn emigrierte vermutlich 1939 in die Schweiz. Im Fragebogen für Auswanderer gab er Palästina als Zielland an. In Basel lebte er bei seinem Vetter, dem Juristen Dr. Marcus Cohn. Er bezeichnete sich als mittellos. Auf Anraten seines Vetters ging er aus Angst vor einer Invasion der Deutschen in die Schweiz nach Frankreich. Sein letzter Wohnort war Saint-Jouvent bei Limoges im Departement Haute-Vienne. Er wurde von dort in das Sammellager Drancy bei Paris eingeliefert und am 31. August 1942 nach Auschwitz deportiert. Er wurde auf das Ende des Jahres 1945 für tot erklärt.

Sally Cohn war am 22. Oktober 1910 in Hamburg geboren worden. Nach der Talmud-Tora-Realschule und dem "einjährigen Freiwilligendienst" 1916 besuchte er die Oberschule Eppendorf. 1918 wurde er zum Heeresdienst einberufen.

Er studierte Jura in Hamburg und Marburg. Seit 1929 war er in Hamburg als Rechtsanwalt tätig, bis er am 25. April 1933 aus rassischen Gründen seine Zulassung verlor. Danach verrichtete er Gelegenheitsjobs bei Bekannten und der Jüdischen Gemeinde.

Sally Cohn wurde am 9. November 1938 im Rahmen der Novemberpogrome festgenommen und nach Sachsenhausen eingewiesen. Dort wurde er am 15. Dezember 1938 wieder entlassen.

Im März 1939 emigrierte er nach Cheltenham in England und lebte bei Verwandten. Im Fragebogen für Auswanderer hatte er geschrieben, dass er zunächst nach England und dann nach Palästina oder Südamerika weiterreisen wolle. Zu seinen beruflichen Vorstellungen hatte er geäußert, dass der Anwaltsberuf im Ausland sehr schwer möglich sei und er daher beabsichtige, als Hebräischlehrer oder als Bibliothekar zu arbeiten. Er hatte bereits seinen Vater beim Aufbau seiner Bibliothek geholfen und unterstützt.
Da er als "streng-gläubiger Jude Milch- und Fleischgeschirr getrennt halten" musste, bat er um die Bewilligung, ein doppeltes Silberbesteck mitnehmen zu dürfen.

Er wurde in England wie alle Deutschen am 3. Juni 1940 als "feindlicher Ausländer" interniert und am 10. Juli mit dem Schiff HMS "Dunera" nach Australien verbracht, wo die Internierung am 6. September 1940 fortgesetzt wurde.

Ende März 1943 wurde er nach Sydney entlassen. In Sydney und Melbourne arbeitete er als Religionslehrer.

Am 31. May 1946 erreichte er mit dem US-Navyschiff "Marine Lynx" San Francisco und reiste weiter nach New York, wo er sich endgültig niederließ. Bereits am 12. September 1946 beantragte er die amerikanische Staatsbürgerschaft, die er im April 1952 erhielt. Er änderte Seinen Namen im Rahmen der Immigration in Sol Sally Cohn. Er lebte in Brooklyn und arbeitete als Religions- und Hebräisch-Lehrer und später als Buchhalter. Sein Antrag auf Wiederverwendung im Hamburger Justizdienst wurde vom Personalamt im August 1954 abgelehnt. Er verstarb am 7. Februar 1983 in einem Altersheim in New York.

Gustav Gabriel und Sally Cohn hatten versucht, die Bibliothek zu retten und ca. 400 Bücher und eine Thora-Rolle für die Auswanderung von Sally einlagern lassen. Die Kisten mit den Büchern wurden allerdings noch in Hamburg beschlagnahmt und versteigert.

Adolph Cohn, geb. 19. Januar 1910 in Hamburg, wanderte in die Niederlande aus, wo er in Amsterdam als Graphologe arbeitete. Er war für seine Brüder auf deren Flucht ein Anlaufpunkt. Er überlebte.

© Martin Bähr

Quellen: StaH 213-13_4877, Cohn, Walter; 213-13_4848 Cohn, Walter; 213-13_4879 Cohn, Walter; 213-13_6033 Cohn, Sally; 213-13_6034 Cohn, Sally; 213-13_6035 Cohn, Gustav Gabriel; 213-13_6036 Cohn, Gustav Gabriel; 213-13_6037 Cohn, Gustav Gabriel; 213-13_6038 Cohn, Sally; 213-13_6039 Cohn, Markus; 213-13_6940 Stein Rosa; 213-13-_6941 Byk, Margarethe; 213-13_8872 Eitje, David; 213-13_10584 Levy, Leon; 213-13_11677 Pappenheim, Norbert; 213-13_20233 Cohn, Rahel; 213-13_25620 Cohn , Walter, Erben; 213-13_29418 Lasch, Ludwig; 213-13_300056 Lasch Ludwig Gustav; 213-13_33772 Lasch, Ludwig; 214-1_214 Cohn, Walter; 241-2_A 1379 Cohn, Sally; 314-15_FVg 2202; 314-15 FVg 4048; 314-14_FVg 4898; 314-15_R1938/1451; 314-15_R 1939/0552; 314-15_R1942/0062; 314-15_R1940/0725; 351-11_850 _Cohn, Marcos; 351-11_851 Cohn, Leon; 351-11_1077 Cohn, Adolph; 351-11_15692 Cohn, Marcos; 351-11_18632 Lasch, Klara; 351-11_21886 Lasch, Ludwig; 351-11_23668 Cohn, Sally; 351-11_25796 Lasch, Alice; 351-11_30663 Jüdel, Gertrud Therese; 351-11_32405 Cohn Marcos; 351-11_54958 Hirschberg, Trude; https://recordsearch.naa.gov.au/SearchNRetrieve/Interface/ViewImage.aspx?B=8616965; https://recordsearch.naa.gov.au/SearchNRetrieve/Gallery151/dist/JGalleryViewer.aspx?B=9905786&S=1&N=3&R=0#/SearchNRetrieve/NAAMedia/ShowImage.aspx?B=9905786&T=P&S=1;
https://www.familysearch.org/ark:/61903/3:1:3Q9M-CSMJ-Y92Z-6?view=index&cc=2060123&lang=de&groupId=; https://www.familysearch.org/ark:/61903/3:1:3Q9M-CSMJ-Y9PS-Y?view=index&personArk=%2Fark%3A%2F61903%2F1%3A1%3A6281-5V81&action=view&cc=2060123&lang=de&groupId=; https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de901877; https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de2035702; https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de903270; https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de902885; https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de942733; https://www.statistik-des-holocaust.de/VI1-8.jpg
Heiko Morisse, Ausgrenzung und Verfolgung der Hamburger jüdischen Juristen im Nationalsozialismus. Bd. 1 - Rechtsanwälte, Hamburg 2013.

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