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Valentin Ernst Burchard
* 1891

VALENTIN ERNST BURCHARD
MDHB 1932 – 1933 DSTP
JG. 1891
DEPORTIERT 1941
ERMORDET IN
MINSK

Rathausmarkt 1 (links vor dem Rathaus)

Weitere Stolpersteine in Rathausmarkt 1 (links vor dem Rathaus): Hans Westermann | Ernst Thälmann | Theodor Skorzisko | Otto Schumann | August Schmidt | Fritz Simon Reich | Friedrich Lux | Franz Jacob | Hermann Hoefer | Ernst Henning | Wilhelm Heidsiek | Theodor Haubach | Hugo Eickhoff | Max Eichholz | Gustav Brandt | Adolf Biedermann | Bernhard Bästlein | Etkar Josef André | Kurt Adams | Max Mendel

Passfoto von Valentin Burchard
© Staatsarchiv Hamburg

Ernst Valentin Burchard wurde am 26. Januar 1891 als Sohn jüdischer Eltern in Hamburg geboren. In Eimsbüttel besuchte er die Oberrealschule und absolvierte anschließend eine kaufmännische Ausbildung in verschiedenen Hamburger Exportgeschäften. Er meldete sich freiwillig zur kaiserlichen Armee und absolvierte sein „Einjähriges“ in Schwerin. Erste Auslandserfahrungen sammelte er in den Jahren 1913 bis 1915 in Buenos Aires. Unmittelbar nach Kriegsbeginn 1914 traf er Vorbereitungen für die Rückkehr nach Deutschland. Mit falschen Papieren ausgestattet, gelangte er im Mai 1915 dorthin auf Umwegen zurück. Sogleich meldete sich Burchard zur Armee und wurde als Unteroffizier an der Westfront eingesetzt.

Unmittelbar nach Kriegsende zog es den jungen Kaufmann erneut ins Ausland. Nach einer Zeit in den Niederlanden machte er sich 1920 in Hamburg selbständig. Im März 1921 heiratete Valentin Burchard die damals 26jährige Hamburgerin Olga Jonas. Aus der Ehe gingen in den zwanziger Jahren die Töchter Gabriele und Marianne und der Sohn Valentin hervor. (50 Bis in den Sommer 1935 wohnte die Familie im Schwanenwik an der Außenalster.

Burchard war neben seiner Tätigkeit als selbständiger Kaufmann ehrenamtliches Mitglied der Industriekommission, der Handelskammer und fungierte zeitweilig auch als Arbeitsrichter. Eine berufliche Veränderung brachte das Jahr 1928, in dem er Vorstandsmitglied der Firma „Hugo Peters & Co. AG“, einer Weinhandels- und Spirituosenfabrik, wurde. Wenige Jahre später gründete Burchard eine eigene Weingroßhandlung auf der Uhlenhorst. Als die Familien ihr Haus am Schwanenwik im Zuge der sich verschärfenden Diskriminierung und Entrechtung jüdischer Bürger im August 1935 aufgeben mussten, zogen sie in das Firmengebäude in der Papenhuder Straße 53.

Erst im April 1932 wurde Burchard für die Deutsche Staatspartei in die Bürgerschaft gewählt. In seinen wenigen Redebeiträgen setzte er sich mit den katastrophalen Folgen der Parallel- und Deflationspolitik des Reichskabinetts Brüning auf die Wirtschaft der Hansestadt auseinander: „Solange eine Wirtschaftspolitik wie zuletzt geführt wird, solange nützt alles nichts“, so seine bezeichnende Einschätzung der Möglichkeiten einer eigenständigen Hamburger Politik 1932.51 Der kompromisslose Durchhaltekurs Brünings hatte nicht nur die Leistungsfähigkeit der Bevölkerung, die sich in Massen den radikalen Parteien und v.a. der NSDAP zuwandte, überstrapaziert, sondern zugleich auch viele demokratische Politiker in die Resignation getrieben.

Burchard verlor sein Mandat schließlich durch die Umbildung der Hamburgischen Bürgerschaft gemäß des „Vorläufigen Gesetzes zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich“ entsprechend dem Wahlergebnis der Reichstagswahlen vom 5. März 1933. Nach dem Parteiverbot vom Sommer 1933 widmete sich Burchard ganz seinem Beruf, obgleich er als jüdischer Bürger auch hier den repressiven Maßnahmen des nationalsozialistischen Regimes ausgesetzt war. Angesichts geringer werdender Umsätze seines Weinhandels gründete er im August 1935 die Firma „Valentin Burchard & Co.“, die für den Export bestimmte pharmazeutische Präparate herstellte. Burchard war persönlich haftender Gesellschafter der Firma und für den kaufmännischen Bereich zuständig, der Apotheker Geza von Molnar fungierte als Kommanditist und leitete den Produktionsbereich.

Am Vogelreth 8 im Freihafen wurde ein kleines Fabrikgelände angemietet, auf dem „Fluid-Extrakte, Tinkturen und andere Pharmaprodukte“ hergestellt wurden. Die Produkte wurden dank der guten Auslandskontakte Burchards in erster Linie nach Süd- und Mittelamerika verkauft, Abnehmer fanden sich aber auch in den Niederlanden, Skandinavien und Asien. Die chemisch-pharmazeutische Fabrik hatte insgesamt elf Angestellte. Obgleich die Firma eine gute Entwicklung nahm und wachsende Umsätze prognostiziert werden konnten, brachte der Austritt der Kommanditisten Oscar Friedländer und John Hausmann im April 1937 die Firma in ernste Schwierigkeiten. Schließlich sicherte aber der Eintritt von Emmy Jonas, der Schwester von Burchards Ehefrau Olga, das Überleben der Fabrik.52 Im September 1938 wurde Valentin Burchard Opfer der Hochphase der „Arisierung“ in Hamburg: Er hatte bei der Industrie- und Handelskammer ein Auslandsvisum für eine Geschäftsreise beantragt.

Eine Anfrage der IHK bei der Finanzbehörde, ob Burchard bei einer Visaerteilung Sicherheiten für den Fall einer Flucht wegen Begleichung der fällig werdenden „Reichsfluchtsteuer“ hinterlegt habe, ließ ihn zum Ziel behördlicher Zwangsmaßnahmen werden. Am Ende dieses von vielen Dienststellen und zahllosen Sachbearbeitern behandelten Vorgangs standen die Enteignung und schließliche Deportation. Burchards Schicksal steht damit exemplarisch für die vielen Facetten der Judenverfolgung im Deutschen Reich.

So hatten auch deutsche Ämter einen wesentlichen Anteil an der späteren technischen Abwicklung des Holocausts. Unmittelbar nach Bekanntwerden des Antrags setzte die Devisenstelle der Finanzbehörde alle relevanten Stellen der Finanzverwaltung in Kenntnis und leitete Ermittlungen wegen des Verdachts der „Kapitalflucht“ ein. Die Polizeibehörde wurde beauftragt, Nachforschungen anzustellen, bei der Zollfahndungsstelle wurde ein Ermittlungsverfahren wegen einer möglicherweise bestehenden „Auswanderungsabsicht“ eingeleitet. Obwohl die polizeilichen Ermittlungen ergaben, dass eine Auswanderungsabsicht nicht bestehe, wurde ein Visum verweigert – angeblich hatte die Gronesche Handelsschule in Hamburg Passsperre gegen Burchard beantragt, weil für dessen Tochter Schulgelder in geringfügiger Höhe nicht beglichen waren.

Auf Anfrage der Zollfahndung teilte die IHK Hamburg den staatlichen Behörden im Oktober 1938 mit, dass Burchards Exportfirma eine gute Entwicklung genommen habe. Die IHK ging von einem weiteren Wachstum des Betriebes aus und hielt ihn angesichts der dramatischen Devisenknappheit des Reiches: „für die […] Volkswirtschaft von Bedeutung“. Aus diesem Grunde sei es – so die IHK weiter – anzustreben, die Firma „in ari-schen Besitz zu überführen“. Nur wenig später wurde daraufhin von der „Gauwirtschaftsleitung“ die „Arisierung“ des Burchardschen Betriebes eingeleitet.

Im Januar 1939 musste Valentin Burchard sein Unternehmen an die Hamburger „Chinosolfabrik AG“ verkaufen. Der Verkaufspreis wurde so festgesetzt, dass Burchard nach Begleichung aller noch bestehenden Verbindlichkeiten faktisch mittellos war. Für ein bescheidendes Entgelt konnte er nach seiner Enteignung und der Übernahme durch „Chinosol“ noch für die Dauer der Abwicklung des Kaufvertrages im Betrieb tätig sein. Diese Tätigkeit war zunächst bis zum Jahresende 1939 befristet, wurde dann aber – als sich durch den Kriegsbeginn die Abwicklung der Übergabe verzögerte – noch einmal bis zum 1. September 1940 verlängert.

Noch im Januar 1939, als Hitler der Weltöffentlichkeit die „Vernichtung des Judentums in Europa“ für den Fall eines Krieges ankündigte, stellte Valentin Burchard für sich und seine Familie einen Antrag auf Ausreise in die Niederlande. Bis Juli 1939 gelang es ihm in mühevoller Kleinarbeit, alle von der „Devisenstelle“ der Hamburger Finanzbehörde für eine Bearbeitung des Antrages geforderten Bescheinigungen und Unterlagen zusammenzutragen.

Finanziert werden sollte die Auswanderung durch den Rückkauf einer in Großbritannien bestehenden Lebensversicherung. Allerdings war Burchard nach seiner Enteignung nicht mehr in der Lage, den von der Devisenstelle geforderten Gegenwert der Versicherung in Höhe von £ 410 abzuliefern.

Der Versuch, die Summe im Ausland über eine Beleihung der Lebensversicherung zu beschaffen, war mit dem deutschen Angriff auf Polen und dem damit beginnenden Zweiten Weltkrieg zum Scheitern verurteilt. Nachdem sich Deutschland und Großbritannien im Kriegszustand befanden, wurden Briefe Burchards an seinen dortigen Finanzmakler nicht mehr beantwortet.

Daraufhin scheint Burchard seine Bemühungen um Ausreise aufgegeben zu haben. Der zuständige Sachbearbeiter an der „Devisenstelle“ des Oberfinanzpräsidiums in Hamburg gab den Vorgang im November 1939 mit der Notiz zu den Akten, Burchard habe sich auf die Mitteilung, wonach der Gegenwert jener £ 410 vor einer möglichen Ausreise in der Währung eines neutralen Landes bei der Devisenstelle „abzuliefern“ sei, nicht mehr gemeldet.56 Als im Oktober 1941 die Massendeportationen aus dem „Altreich“ begannen, gehörte auch Burchards Familie zu jenen 60 000 jüdischen Bürgern, die bis Februar 1942 aus deutschen Großstädten in die Ghettos von Warschau, Lodz, Bialystok, Riga, Kowno oder Minsk deportiert wurden. Valentin Burchard, seine Ehefrau Olga sowie seine beiden Töchter Gabriele und Marianne gehörten zu 1000 Hamburger Juden, die am 8. November 1941 vor den Augen der Bevölkerung auf die Moorweide gegenüber dem Dammtorbahnhof zusammengetrieben wurden, um von hier aus auf einen der insgesamt siebzehn Deportationszüge geschickt zu werden. Zwei Tage später erreichte der Zug das Ghetto Minsk. Hier verliert sich die Spur der Burchards. Ob dies die Endstation ihres Leidensweges oder wie für viele nur Zwischenstation auf dem Weitertransport in eines der Vernichtungslager war, ist unklar.

Auf Antrag des überlebenden Sohnes wurde Ernst Valentin Burchard nach dem Krieg für tot erklärt. Das Todesdatum wurde auf den 8. Mai 1945 festgelegt.

Autor*in: Text mit freundlicher Genehmigung der Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg (Hrsg.) entnommen aus: Jörn Lindner/Frank Müller: „Mitglieder der Bürgerschaft – Opfer totalitärer Verfolgung“, 3., überarbeitete und ergänzte Auflage, Hamburg 2012

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