Franz Jacob
* 1906
FRANZ JACOB
MDHB 1932 – 1933 KPD
JG. 1906
IM WIDERSTAND
VERHAFTET 1933
SACHSENHAUSEN
ZUCHTHAUS
BRANDENBURG-GÖRDEN
ENTHAUPTET18.9.1944
Rathausmarkt 1 (links vor dem Rathaus)
Weitere Stolpersteine in Rathausmarkt 1 (links vor dem Rathaus): Hans Westermann | Ernst Thälmann | Theodor Skorzisko | Otto Schumann | August Schmidt | Fritz Simon Reich | Friedrich Lux | Hermann Hoefer | Ernst Henning | Wilhelm Heidsiek | Theodor Haubach | Hugo Eickhoff | Max Eichholz | Valentin Ernst Burchard | Gustav Brandt | Adolf Biedermann | Bernhard Bästlein | Etkar Josef André | Kurt Adams | Max Mendel
© Privatbesitz
„Wenn man sich nur einen Augenblick intensiv mit politischen Angelegenheiten beschäftigt, kommt in mir immer stärker der Wunsch hoch, selbst mittendrin zu stehen“, schrieb der 20jährige Franz Jacob 1926 in sein Tagebuch.90 Nur wenige Jahre später war er als Leiter des „Kommunistischen Jugendverbandes“ in Hamburg, als Funktionär der KPD-Bezirksleitung „Wasserkante“, als Bürgerschaftsabgeordneter und schließlich als eine der führenden Persönlichkeiten des kommunistischen Widerstandes in Deutschland.
Franz Jacob war gebürtiger Hamburger. Am 9. August 1906 kam er als Sohn des Dienstmädchens Marie Pgetz zur Welt. Nach dem frühen Tod seines Vaters, des Hausknechtes August Moser, wuchs er in der Familie seines Großvaters auf. Als Elfjähriger kam er zu seiner Mutter zurück, die inzwischen Gustav Jacob geheiratet hatte. Franz erhielt den Familiennamen seines Stiefvaters.
Das sozialdemokratische Elternhaus und der von Armut und Not gekennzeichnete Alltag prägten den heranwachsenden Volksund späteren Oberrealschüler nachhaltig. Als 15jähriger schloss er sich 1921 der „Sozialistischen Arbeiterjugend“ (SAJ) in Eimsbüttel an, bereits ein Jahr später wurde er Mitglied der SPD.
Seine schulische Ausbildung konnte Franz Jacob wegen der damit verbundenen hohen Kosten nicht abschließen. 1922 verließ er die Oberrealschule und ging auf einer Hamburger Werft als Maschinenschlosser in die Lehre. An die Seite seines politischen Engagements in der SAJ trat die Wahrnehmung gewerkschaftlicher Interessen im Betrieb, wo ihn seine im „Deutschen Metallarbeiterverband“ organisierten Kollegen zum „Lehrlingsobmann“ wählten.
Nach dem Tod der Integrationsfigur Friedrich Ebert folgten 1925 heftige Auseinandersetzungen innerhalb der SPD über den Kurs der Partei. Dies führte u.a. zu einer Spaltung der SAJ, bei der sich große Teile dem „Kommunistischen Jugendverband Deutschlands“ (KJVD) anschlossen. Auch Franz Jacob kam über diesen Weg zur kommunistischen Arbeiterbewegung und trat zusammen mit der Eimsbütteler SAJ-Gruppe, die sich für eine Unterstützung Ernst Thälmanns bei den Reichspräsidentenwahlen 1925 stark machte, in die kommunistische Jugendorganisation ein. Der KPD schloss er sich Anfang 1928 an.
Nach Beendigung seiner Lehre 1926 war Franz Jacob zunächst arbeitslos. Gemeinsam mit einem Freund begab sich der junge Schlosser auf eine mehrmonatige Wanderschaft, die ihn über Süddeutschland bis in die Schweiz führte. Nach Hamburg zurückgekehrt, begann der Aufstieg Jacobs in die Führung der Hamburger Kommunisten. Neigung, Engagement und intellektuelle Fähigkeiten verbanden sich in einer Weise, dass es ihm schon als Mittzwanziger gelang, die politische Betätigung zum Mittelpunkt seines Berufslebens werden zu lassen.
Den Grund für diese Entwicklung bereitete seine erfolgreiche Tätigkeit als Organisationsleiter des KJVD-Bezirks „Wasserkante“ von April 1928 bis März 1929. In dieser Funktion hatte er Gelegenheit, als Delegierter an den parallel laufenden Weltkongressen der „Kommunistischen Internationale“ und „Jugendinternationale“ teilzunehmen und dabei für ihn wichtige Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln. Beschäftigungen beim Hamburger Telegrafenamt und auf der Reiherstieg-Werft endeten jeweils nach kurzer Zeit wegen seiner politischen Arbeit. So hatte der junge KPDFunktionär auf der Reiherstieg-Werft nicht nur die kommunistische „Betriebszelle“ geleitet, sondern am 23. Juni 1929 anlässlich des zweiten Jahrestages der Hinrichtung der beiden italo-amerikanischen Anarchisten Sacco und Vanzetti zu einer Arbeitsniederlegung aufgerufen und war daraufhin fristlos entlassen worden.
Nach seinem Ausscheiden aus der Jugendleitung 1929 war Jacob zunächst als Berichterstatter für die „Hamburger Volkszeitung“ und ab Oktober 1930 für das schleswig-holsteinische KPD-Organ „Norddeutsches Echo“ tätig. Für kurze Zeit siedelte er nach Kiel über, um im dortigen KPD-Unterbezirk den „Antifaschistischen Kampfbund“, die Nachfolgeorganisation des seit 1929 verbotenen „Roten Frontkämpferbundes“, aufzubauen. Im März 1931 wurde Jacob Nachfolger von Karl Olbrisch als Leiter der „Abteilung für Agitation und Propaganda“. Damit oblagen ihm die Organisation und Durchführung der Parteischulung sowie die Herausgabe des „Leninisten“, des propagandistischen Sprachrohrs des Bezirks „Wasserkante“. Gleichzeitig war Jacob verantwortlich für die sich im Zeichen eskalierender politischer Auseinandersetzung häufenden radikalen, öffentlichen Aufrufe zum Kampf gegen das verhasste politisch-soziale System des Weimarer Staates, in dessen Agonie man das langersehnte Fanal für die Erhebung der „Arbeiterklasse“ sehen wollte. Dies ließ ihn immer wieder im Mittelpunkt von Ermittlungen der Justizbehörden stehen.
Bei den Aprilwahlen 1932 wurde Franz Jacob in die letzte frei gewählte Bürgerschaft vor der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten gewählt. In seiner letzten Rede am 8. Februar 1933 setzte er sich vor allem mit Überlegungen zur Bildung einer „Einheitsfront“ auseinander und richtete heftige Angriffe gegen die SPD wegen deren Weigerung, sich dem „antifaschistischen Freiheitskampf “ der KPD anzuschließen.
Als das Hamburger Landesparlament am 8. März 1933 zusammentrat, einen nationalsozialistisch geführten Senat zu wählen, fehlten neben der sozialdemokratischen Fraktion, die sich aus Protest der Abstimmung verweigerte, auch die 26 kommunistischen Abgeordneten. Zusammen mit dem Fraktionsführer Westphal begründete Franz Jacob in einem Schreiben an den sozialdemokratischen Bürgerschaftspräsidenten Ruscheweyh das Fernbleiben seiner Fraktion: „Gegen die Funktionäre und Abgeordneten der KPD ist Haftbefehl ausgesprochen. Wir haben keine Veranlassung, unsere Abgeordneten freiwillig der faschistischen Diktatur auszuliefern und nehmen darum an der heutigen Sitzung nicht teil.“ Ein die Erklärung abschließender erneuter Aufruf zur Bildung einer Einheitsfront war mit massiver Kritik an der sozialdemokratischen Partei- und Gewerkschaftsführung verbunden. Selbst noch im Zeichen brutaler staatlicher Verfolgung lag der Erklärung das zuletzt auf dem Bezirksparteitag der KPD Anfang Dezember 1932 bekräftigte, jedoch realitätsferne Konzepts einer „Einheitsfront von unten“ zugrunde. Danach wurde eine Zusammenarbeit mit der „sozialfaschistischen“ SPD-Führung ausgeschlossen und sollte versucht werden, die sozialdemokratisch orientierte Arbeiterschaft durch Agitation und Propaganda an der betrieblichen Basis für die Kommunistische Partei zu gewinnen.
Das Verbot seiner Partei erwartend, half Jacob zusammen mit anderen Hamburger Funktionären, die KPD-Organisation im Bezirk „Wasserkante“ in die Illegalität zu überführen. Als die in ihrer Härte wohl nicht erwartete, systematische Verfolgung einsetzte, ging auch er selbst in den Untergrund. Er verließ Ende März Hamburg, um unter dem Decknamen Robert Giese die Leitung des Bezirks „Bremen-Nordwest“ zu übernehmen. Im Juli 1933 rief ihn das Zentralkomitee der KPD auf Vorschlag von Hermann Schubert nach Berlin, wo er die Leitung des Technischen Sekretariats beim Politbüro übernahm. Am 18. August wurde Franz Jacob im Café „Vaterland“ am Potsdamer Platz von dem Hamburger NS-Bürgerschaftsabgeordneten Friedrich Stanik erkannt, denunziert und von der Gestapo verhaftet.
Ein Jahr später wurde Franz Jacob vom 2. Senat des neugebildeten „Volksgerichtshofes“ in Berlin wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu einer dreijährigen Zuchthausstrafe verurteilt, die er in Plötzensee, Fuhlsbüttel und Bremen-Oslebshausen verbüßte. Nach seiner Entlassung aus dem ordentlichen Strafvollzug wurde er zur „politischen Umerziehung“ in das zu jener Zeit noch im Aufbau befindliche KZ Sachsenhausen verbracht. Hier knüpfte er intensive Kontakte zu seinem zeitweiligen Mithäftling Julius Leber und konnte in verschiedenen Funktionen der „Häftlingsselbstverwaltung“ viele besonders gefährdete Gefangene vor einzelnen Aufsehern oder Arbeitskommandos schützen.
Nach sieben Jahren Haft wurde Jacob im September 1940 nach Hamburg entlassen. Bei der Wäscherei „Burmester, Oszmer & Co.“ fand er eine Anstellung als Betriebsschlosser. Im Dezember 1941 heiratete er die Kontoristin und spätere Pädagogin Katharina Hochmuth, die er bereits aus der gemeinsamen Zeit beim KJVD her kannte. Die Familie Jacob lebte in einer Wohnung in der Jarrestraße.
Inzwischen hatte er Kontakt mit seinen Parteigenossen Bernhard Bästlein und Robert Abshagen hergestellt, die ebenfalls mehrere Jahre im KZ Sachsenhausen verbracht hatten. Es entstand die sog. „Bästlein-Organisation“, deren „Dreierkopf “ (Bernhard Bästlein, Franz Jacob und Oskar Reincke) als illegale Hamburger Bezirksleitung der KPD das Ziel verfolgte, die auf etwa 30 Hamburger Betriebe mit ihrem Kern in den großen Werften verteilte Basis für die innerbetriebliche politisch-ideologische Schulung einzusetzen und über diesen Weg die Produktion zu sabotieren.
Um die Wiederholung der großen Verhaftungswellen aus den dreißiger Jahren möglichst auszuschließen, war die Gruppe so organisiert, dass sich jeweils nur drei Angehörige persönlich kennen sollten. Franz Jacob, dem der Bereich „Propaganda und Agitation“ übertragen wurde, entwarf in dieser Zeit Flugblätter, verfasste politische Analysen und legte in Zusammenarbeit mit dem Hamburger Bühnenbildner Otto Gröllmann ein kleines Archiv im Thalia-Theater an. Auch Katharina Jacob beteiligte sich an den Aktivitäten der Widerstandsgruppe, indem sie Flugblätter transportierte, Informationen weiterleitete und Quartiere besorgte.
Doch trotz aller Vorsichtsmaßnahmen gelang es der Gestapo über Spitzel, in die „Bästlein-Organisation“ einzudringen.
Auf die Nachricht von der Verhaftung Bernhard Bästleins und Oskar Reinckes ging Franz Jacob erneut in die Illegalität. Zunächst versteckte er sich im Freihafen, bis ihm eine enge Freundin seiner Frau, Charlotte Groß, die Übersiedlung nach Berlin organisierte.
In der Reichshauptstadt führte er zusammen mit Anton Saefkow die Arbeit der inzwischen verhafteten „Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe“ fort. Unter dem Decknamen Martin Puls kümmerte sich der erfahrene „Agitprop“-Sekretär um den Entwurf von Aufrufen an die Bevölkerung und das Erstellen von Informationen für die Parteimitglieder. Als Mitbegründer einer neuen zentralen operativen Leitung der KPD war er 1943/44 maßgeblich an dem Versuch beteiligt, die Mitte der 1930er Jahre zerschlagene Führungsstruktur der KPD im Zeichen des Krieges reichsweit zu reorganisieren. In mehreren Berliner Großbetrieben gelang es, kommunistische „Betriebszellen“ aufzubauen. Darüber hinaus konnten enge Kontakte nach Thüringen (Theo Neubauer) und Sachsen (Georg Schumann) hergestellt werden.
Die wohl bedeutendste Ausarbeitung Franz Jacobs aus dieser Zeit ist der Entwurf einer theoretisch-programmatischen Schrift mit dem Titel „Am Beginn der letzten Phase des Krieges“. Sie stand inhaltlich in Kontinuität zu einer von ihm gemeinsam mit Anton Saefkow und möglicherweise auch Theo Neubauer erarbeiteten Schrift vom 1. Mai 1944, in der das Verhältnis der KPD-Inlandsleitung zum Nationalkomitee „Freies Deutschland“ (NKFD) erörtert wurde. Letzteres war auf Initiative der politischen Abteilung in der Roten Armee im Juli 1943 in Krasnogorsk bei Moskau von kommunistischen Emigranten und deutschen Kriegsgefangenen gegründet worden. In dieser 44 Seiten umfassenden, „Wir Kommunisten und das Nationalkomitee ‚Freies Deutschland‘“ betitelten Schrift wurde von der illegalen KPD der Begriff „Kampfbewegung Freies Deutschland“ eingeführt, als deren Kern sich die illegale KPD verstand. Jacobs daran anknüpfender Entwurf vom Mai/Juni 1944 zeigt, dass die illegale KPDFührung über das ständige Abhören von „Feindsendern“ und durch ihre Kontakte zu dem schwedischen Botschaftsangestellten Arvid Lundgren ein klares Bild sowohl über die militärische Lage als auch die politische Situation innerhalb Deutschlands hatte. In seinen Überlegungen zum politischen Neuaufbau Deutschlands ging Jacob in Übereinstimmung mit der NKFD-Strategie von einem Zwei-Phasen-Modell aus, wonach vor der „Errichtung der Diktatur des Proletariats […] an der Seite der Sowjetunion“ zunächst ein zeitlich begrenztes Zusammengehen mit allen anderen „dem Faschismus feindlich gegenüberstehenden Gruppierungen in Deutschland“ gesucht werden müsse.
Es stand im Einklang mit diesem Konzept, dass Jacob und Saefkow am 22. Juni 1944 in der
Wohnung des Berliner Arztes Rudolf Schmid mit den Sozialdemokraten Julius Leber und Adolf Reichwein über gemeinsame Aktionen sprachen. Nur wenige Details des von Reichwein angeregten Kontaktes, dem sich Leber trotz Kritik aus den Reihen der Kreisauer Widerstandsbewegung insbesondere wegen der gemeinsamen Erfahrungen im KZ Sachsenhausen nicht verschließen wollte, sind überliefert. Einem späteren Bericht Schmidts zufolge sei das Gespräch „in sehr vorsichtiger Form“ verlaufen und habe Hinweise enthalten, dass beide Seiten für das begrenzte Ziel eines Sturzes der nationalsozialistischen Diktatur zusammenzugehen bereit waren. Dieser Gedanke sollte bei einem weiteren Gespräch, das man für den 4. Juli vereinbarte, vertieft werden.
Aber auch dieser inzwischen dritte Versuch während des Krieges, der KPD eine neue Führungsstruktur zu geben und zugleich den Widerstand auf breiter Front zu organisieren, wurde gewaltsam von der Gestapo beendet. Der inzwischen 37jährige Franz Jacob und seine im Untergrund arbeitenden Weggefährten fielen am 4. Juli 1944 einer erneuten Verhaftungswelle zum Opfer – der am 22. Juni 1944 in der Wohnung von Dr. Schmidt ebenfalls anwesende Kommunist Hermann Rambow war ein „V-Mann“ des „Reichssicherheitshauptamtes der SS“ (RSHA) gewesen.
Wenige Tage später wurde auch Käthe Jacob festgenommen, die ihren Mann über Charlotte Groß wiederholt mit Nachrichten aus Hamburg versorgt hatte. Mangels Beweisen wurde sie am 20. September, zwei Tage nach der Hinrichtung ihres Mannes, vom „Volksgerichtshof “ freigesprochen. Trotzdem wurde sie von der Gestapo in das KZ Ravensbrück verbracht, wo sie schließlich am 1. Mai 1945 von sowjetischen Truppen befreit wurde. Franz Jacob wurde am 5. September 1944 zusammen mit anderen führenden Mitgliedern der sog. „Saefkow-Gruppe“ zum Tode verurteilt. Am 18. September wurden die Urteile im Zuchthaus Brandenburg vollstreckt.
Nach dem Krieg wurde die Urne Franz Jacobs in seine Heimatstadt Hamburg überführt und 1946 auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt.
Nach der 1989 verstorbenen Ehefrau wurde im August 1992 eine Straße in Groß Borstel benannt.