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Johanna Behrens * 1908
Elsastraße 30 (Hamburg-Nord, Barmbek-Süd)
HIER WOHNTE
JOHANNA BEHRENS
JG. 1908
EINGEWIESEN 1933
ALSTERDORFER ANSTALTEN
´VERLEGT`16.8.1943
´HEILANSTALT`
AM STEINHOF / WIEN
TOT 11.6.1945
Johanna Theodora Behrens, geb. am 31.12.1908 in Altona, am 11.7.1933 aufgenommen in den damaligen Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf), am 16.8.1943 abtransportiert nach Wien in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien", dort gestorben am 11.6.1945
Elsastraße 30
Johanna Theodora Behrens (Rufname Johanna) wurde am 31. Dezember 1908 in Altona geboren. Sie war die Tochter des Schlossers Theodor Jacob Leonard Behrens und seiner Frau Johanna Caroline, geborene Schick, die als Schneiderin arbeitete. Das Paar hatte 1902 in Hamburg geheiratet. Es hatte vier Kinder: Jonny (geboren 1905), Julius (geboren 1907), Johanna (geboren 1908) und Martha (geboren 1911). Ein fünftes Kind war im Alter von sieben Jahren gestorben. Der Vater war mehrmals zu Haftstrafen verurteilt worden. Die Mutter befand sich zeitweise wegen "Geistesschwäche” im Hafenkrankenhaus Hamburg und in der "Irrenanstalt Friedrichsberg". Die Kinder wuchsen teilweise unter Aufsicht der Jugendbehörden auf.
Die Familie Behrens wohnte in der Elsastraße 30 im Stadtteil Barmbek. Johanna besuchte die nur wenige Gehminuten entfernte Volksschule Schleidenstraße bis zur zweiten Klasse (die erste Klasse war damals die höchste). Sie wurde anschließend im Martha-Haus (eine Einrichtung für Kinder mit Beeinträchtigungen) im Stadtteil Borgfelde betreut. 1923 hielt sie sich zur Erholung in Westerland auf Sylt auf.
Am 14. Mai 1929 wurde sie in die Staatskrankenanstalt Friedrichsberg eingewiesen. Die Diagnose lautete "Dementia praecox" (veralteter Begriff für Psychosen im Spektrum der Schizophrenie). Sie berichtete über Stimmen, Verfolgungsängste und Bedrohungen. Nach einem längeren Aufenthalt wurde sie im Juli 1930 entlassen, im Februar 1933 auf eigenen Wunsch jedoch erneut aufgenommen. Am 11. Juli 1933 erfolgte ihre Verlegung in die damaligen Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf), wo sie dauerhaft blieb.
In Alsterdorf galt Johanna Behrens als psychisch schwer krank, zugleich aber körperlich gesund. In einem ärztlichen Bericht aus dem Jahr 1933 wurde sie als "von Wahnideen befallen” beschrieben. Im Alltag sei sie zeitweise ruhig und beschäftigungsfähig, zeitweise aber unruhig, verweigere Nahrung und ziehe sich zurück. Anfangs habe sie sich mit Nähen beschäftigt.
1937 wurde sie nach einem Beschluss des Erbgesundheitsgerichts zwangsweise im Universitäts-Krankenhaus Eppendorf sterilisiert und danach nach Alsterdorf zurückverlegt. In den folgenden Jahren verschlechterte sich ihr Zustand weiter. In der Krankenakte sind "zunehmende Verwahrlosung, aggressive Ausbrüche, längere Phasen der Teilnahmslosigkeit sowie wachsende Pflegebedürftigkeit” dokumentiert.
Der Kontakt zur Familie riss nicht ab: Besuche des Vaters sowie kurze Beurlaubungen zur Mutter oder Großmutter führten jedoch häufig zu erneuten Krisen.
Am 16. August 1943 wurde Johanna Behrens nach schweren Luftangriffen auf die Alsterdorfer Anstalten nach Wien in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien", (auch bekannt als Anstalt "Am Steinhof") verlegt. Ihre Mutter begleitete sie und blieb noch einige Tage. Da ein Fluchtversuch nicht ausgeschlossen werden konnte, wurde Johanna Behrens dort sofort gesondert untergebracht.
Im November 1944 füllten die Wiener Anstalten den "Meldebogen I” aus. Mit diesem meldeten sie während der ersten Euthanasiephase von 1939 bis 1941 wichtige Daten der Anstaltsinsassinnen und -insassen an die Euthanasiezentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin. Die Angaben auf diesen Meldebögen bildeten die Entscheidungsgrundlage dafür, ob Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Krankheiten in einer der sechs Gasmordanstalten umgebracht werden sollten. Über Johanna Behrens wurde die Diagnose "Epilepsie” eingetragen und vermerkt, dass sie keinen Besuch erhalte. Die Krankenakte gibt keinen Aufschluss darüber, welches Ziel mit diesem Meldebogen, der lange nach der zentralen Steuerung der Krankenmorde erstellt wurde, verfolgt wurde, ob er nach Berlin geschickt wurde bzw. ob er Einfluss auf ihr weiteres Schicksal hatte.
In Wien blieb Johanna Behrens zuletzt weitgehend apathisch, geschwächt und ohne Beschäftigung. Bei ihrer Ankunft dort hatte sie noch 51 kg gewogen, im April 1945 wurden nur noch 34 kg notiert.
Am 11. Juni 1945 starb sie im Alter von 36 Jahren angeblich infolge einer Infektion (blutiger Stuhl). Johanna Theodora Behrens ist eines der Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Verbrechen. Von den 228 Frauen und Mädchen ihres Transports vom 16. August 1943, kamen 196 bis Ende 1945 durch Überdosierung von Medikamenten und Nichtbehandlung von Krankheiten, vor allem aber durch Nahrungsentzug ums Leben.
Stand: März 2026
© Tobias Hardt (Bugenhagenschule) im Rahmen eines Schulprojekts
Quellen: StaH 332-5 Standesämter 113591 Geburtsregister Nr. 15/1909 (Johanna Theodora Behrens), 2982 Heiratsregister Nr. 190/1907 (Johanna Caroline Schick/ Theodor Jakob Leonhard Behrens). Evangelische Stiftung Alsterdorf Archiv, Sonderakte V 382 (Johanna Behrens). Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr – Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Stuttgart 2016, S. 331-371. Peter von Rönn, Der Transport nach Wien, in: Peter von Rönn u.a., Wege in den Tod, Hamburgs Anstalt Langenhorn und die Euthanasie in der Zeit des Nationalsozialismus, Hamburg 1993, S. 425-467. Peter Schwarz, Die Heil- und Pflegeanstalt Wien-Steinhof im Ersten und Zweiten Weltkrieg, in: Markus Rachbauer, Florian Schwanninger (Hg.), Krieg und Psychiatrie, Lebensbedingungen und Sterblichkeit in österreichischen Heil- und Pflegeanstalten im Ersten und Zweiten Weltkrieg, Innsbruck/Wien 2022.


