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Selma Sommerfeld (geborene Joachimczyk) * 1871
Goernestraße 8 (Hamburg-Nord, Eppendorf)
HIER WOHNTE
SELMA
SOMMERFELD
GEB. JOACHIMCZYK
JG. 1871
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 22.1.1943
Weitere Stolpersteine in Goernestraße 8:
Eugenie Brückmann
Selma Sommerfeld, geb. am 2. oder 3.6.1871 in Bromberg, deportiert am 15.7.1942 in das Getto Theresienstadt, dort am 22.1.1943 gestorben
Goernestraße 8 (Eppendorf)
Selma Sommerfeld kam am 2. oder 3. Juni 1871 in Bromberg (heute: Bydgoszcz) als Tochter des Kaufmanns Isidor Joachimczyk und seiner Frau Emma (geb. Fürstenwalde) zur Welt; der Vater stammte aus Peisern (heute: Pyzdry), die Mutter aus Dirschau (Tczew). Die jüdische Familie lebte laut Adressbuch im Jahr der Geburt in der Bärenstraße 4; dort war Isidor Joachimczyk als Getreidehändler gemeldet. Zu dieser Zeit lebten 1.963 Jüdinnen und Juden in Bromberg und stellten damit rund 8% der städtischen Bevölkerung. Die meisten von ihnen waren Handwerker; der Handel stellte den zweithäufigsten Erwerbszweig dar.
Die junge Familie zog nach Berlin und war weiterhin im Handel tätig. Isidor Joachimczyk verschied hier 1886 im Alter von 54 Jahren. Der frühe Tod des Vaters dürfte dazu beigetragen haben, dass Selma Sommerfeld bereits in jungen Jahren im Geschäft aushalf oder zum Familieneinkommen beitragen musste. Drei Geschwister ihres Vaters lebten ebenfalls in Berlin: Henriette Gottheimer (1833–1910), Emanuel Joachimczyk (1843–1895) und Max Joachimczyk (1845–1923). Die Brüder waren ebenfalls Kaufleute, die Schwester mit einem Kaufmann verheiratet. Es ist anzunehmen, dass Selma Sommerfeld sich in diesem Umfeld berufliche Kenntnisse aneignete.
Am 14. Oktober 1893 heiratete sie den 1860 in der Reichshauptstadt geborenen jüdischen Kaufmann Franz Jakob Sommerfeld, der zu dem Zeitpunkt in Luckenwalde lebte. Mit 128 Personen stellte die jüdische Gemeinde 1895 hier rund 0,7% der Bevölkerung; eine eigene Synagoge wurde in Luckenwalde 1897 eingeweiht. Franz Sommerfeld war unter anderem in der Textilbranche tätig und arbeitete als Versicherungsvertreter. Er engagierte sich zudem im Handwerker-Verein und in der Gemeindevertretung. Als Anschriften der Familie sind die Beelitzer Straße 31 und die Wilhelmstraße 29 nachweisbar.
Am 24. November 1894 brachte Selma Sommerfeld hier ihren Sohn Hans zur Welt. Dieser erlangte 1914 die Hochschulreife an einem Gymnasium in Berlin-Schöneberg. Sein anschließend in Heidelberg aufgenommenes Medizinstudium unterbrach er nach einem Semester, um sich nach Beginn des Ersten Weltkrieges als Freiwilliger einem Infanterie-Regiment anzuschließen. Nach mehreren Verwundungen und der Amputation eines Beines kehrte er aus dem Krieg zurück, heiratete eine aus einem christlichen Haushalt stammende Krankenschwester, beendete sein Medizinstudium und ging 1922 nach Hagenow in Mecklenburg, wo er eine Arztpraxis übernahm.
Zum Zeitpunkt ihrer Eheschließung war Selma Sommerfeld den standesamtlichen Akten zufolge als Buchhalterin tätig. Ob sie diesen Beruf auch in den folgenden Jahren ausübte oder ihren Mann in geschäftlichen Angelegenheiten unterstützte, lässt sich nicht eindeutig nachweisen. Hinweise auf ihren privaten Alltag liefern jedoch Zeitungsannoncen, in denen sie wiederholt nach einer Haushaltshilfe suchte; entsprechende Inserate sind für den 14. Mai 1904, den 5. Dezember 1912 und den 14. März 1928 überliefert.
Franz Sommerfeld verstarb am 23. Dezember 1933 in Luckenwalde. Bereits kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten war es zu Ausschreitungen und Boykotten gegen jüdische Familien in Luckenwalde gekommen. Zur Zeit des Pogroms im November 1938 lebte Selma Sommerfeld laut Adressbuch als Witwe in der Ackerstraße 12. Zwischen 1933 und dem Novemberpogrom sank die Zahl der jüdischen Einwohner Luckenwaldes von 113 auf 18.
Angesichts der Verfolgung und Bedrohung verließ Selma Sommerfeld die Stadt, in der sie mehr als viereinhalb Jahrzehnte gelebt hatte, und folgte ihrem Sohn zum 1. Januar 1940 nach Hamburg. Dieser hatte auf Grund antisemitischer Boykotte und dem Entzug der Approbation seine Praxis in Hagenow schließen müssen. Er fand mit seiner Frau und seinen Söhnen eine kleine Wohnung in der Goernestraße 8 in Eppendorf. Selma Sommerfeld zog zunächst als Untermieterin in der Hochstraße 123 ein.
Amtlichen Unterlagen zufolge wurde sie am 5. Juli 1940 in ein Zimmer in der Isestraße 61 umgemeldet, das die jüdische Familie Baer seit 1939 vermietete. Diese Adresse wird in der Kultussteuerkartei genannt – die Wohnung ihres Sohnes hat Selma Sommerfeld bei der Jüdischen Gemeinde offensichtlich nicht angegeben, möglicherweise um ihn, ihre Schwiegertochter und ihre Enkel zu schützen. Laut Familienüberlieferung lebte sie jedoch bei ihrem Sohn und seiner Familie in der Goernestraße 8.
Am 30. Juni 1941 erfolgte die zwangsweise Unterbringung im als "Judenhaus" genutzten Martin-Brunn-Stift; ab September 1941 war sie zudem verpflichtet, den "Judenstern" zu tragen. Hier musste die über 70-jährige, inzwischen an einem Herzleiden erkrankte Selma Sommerfeld auf engstem Raum mit anderen Betroffenen auf ihre Deportation warten. Im Juli 1942 wurden insgesamt 112 Personen aus dem Martin-Brunn-Stift nach Auschwitz und Theresienstadt gebracht – keine von ihnen überlebte.
Selma Sommerfeld wurde am 15. Juli 1942 deportiert. Einen Tag zuvor hatte sich die Nachbarin ihres Sohnes, Eugenie Brückmann, durch eine Überdosis an Schlaftabletten der bevorstehenden Verschleppung entzogen – Hans Sommerfeld und seine Frau standen ihr in ihren letzten Stunden bei. Selma Sommerfeld wurde angewiesen, sich an der Schule in der Schanzenstraße 105 einzufinden. Die Polizei brachte sie und weitere Betroffene mit Mannschaftswagen von dieser Sammelstelle zum Hannoverschen Bahnhof. Von diesem Ort verließen am 15. und 19. Juli 1942 zwei Transporte mit insgesamt 1.700 Menschen Hamburg in Richtung Theresienstadt.
Selma Sommerfeld erreichte das Getto am 16. Juli 1942. Laut Todesfallanzeige starb sie dort am 22. Januar 1943 um 7.30 Uhr an "Enteritis Darmkatarrh", wie die jüdische Ärztin notierte.
Ihr Sohn Hans überlebte dank seiner Mischehe mit einer nichtjüdischen Frau. Er blieb in Hamburg, wo er am 24. Mai 1965 starb. Der Stolperstein für Selma Sommerfeld wurde im März 2026 vor der Goernestraße 8 in Hamburg-Eppendorf verlegt. Vier Stolpersteine für die Familie ihres Sohnes liegen seit dem 3. November 2011 vor der Bahnhofstraße 4 in Hagenow.
Stand: Juni 2026
© Thomas Kühn
Quellen: Staatsarchiv Hamburg (StaH), 351-11, Nr. 1332; StaH 351-11, Nr. 17039; StaH 522-1, 992b Kultussteuerkartei der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Hamburg, Nr. 24026; StaH 522-1, Jüdische Gemeinde, Nr. 992 e 2, Bd. 4, Transport nach Theresienstadt am 15. Juli 1942, Liste 1; 314-15, R 1939/3130; Institut Theresienstädter Initiative/Nationalarchiv Prag, Jüdische Matrikel, Todesfallanzeigen. Nr. 17.579; Landesarchiv Berlin (LAB), Personenstandsregister, Heiratsregister der Berliner Standesämter 1874–1936, Bd. 336, Nr. 820 [www.ancestry.com, abgerufen am 7.7.2025]; LAB, Personenstandsregister, Sterberegister der Berliner Standesämter 1874–1985, 1886, Nr. 991 [www.ancestry.com, abgerufen am 7.7.2025]; Museum Hagenow, Archiv im Hanna-Meinungen-Haus, Ordner Sommerfeld; Alicke, Klaus-Dieter: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. München 2008; Christa Fladhammer/Maike Grünwaldt: Stolpersteine in der Hamburger Isestraße. Biographische Spurensuche. Hamburg 2010, S. 158–159; Freudenthal, Joseph: Chronik der Synagogen-Gemeinde zu Luckenwalde und deren Vorgeschichte, Berlin 1920; Kühn, Thomas: Spuren des Unrechts. Stolpersteine in Hagenow. Wismar 2025; Riemer, Detlev: Luckenwalde, in: Irene A. Diekmann (Hg.): Jüdisches Brandenburg. Geschichte und Gegenwart (Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, Bd. 5). Berlin 2008, S. 192–218; Riemer, Detlev: Pelikan und Davidsstern. Juden in Luckenwalde, Bd. II. Quellensammlung aus lokalen Zeitungen (1850–1941). Luckenwalde 1993; Koser, Maria: Das Martin-Brunn-Stift, Frickestraße 24. In: Stadtteilarchiv Eppendorf (Hg.): Stifter, Schwestern, Zufluchtsstätten. Geschichte(n) rund um die Martinistraße in Hamburg-Eppendorf. Hamburg 2012, S. 54–56; Wohnungs-Anzeiger nebst Adreß- und Geschäfts-Handbuch für die Stadt Bromberg und Umgebung auf das Jahr 1872. Bromberg 1872.


