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Ernst Dorer * 1907
Wiesenstraße 27 (Eimsbüttel, Eimsbüttel)
HIER WOHNTE
ERNST DORER
JG. 1907
EINGEWIESEN 1913
ALSTERDORFER ANSTALTEN
‚VERLEGT‘ 7.8.1943
‚HEILANSTALT‘ EICHBERG
13.10.1943 WEILMÜNSTER
ERMORDET 22.3.1944
Ernst Dorer, geb. am 14.3.1907 in Lokstedt (heute Hamburg), am 21.4.1913 aufgenommen in den Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf), am 7.8.1943 abtransportiert in die "Landesheilanstalt Eichberg" bei Eltville/Rhein, am 13. Oktober 1943 weiterverlegt nach Weilmünster in die damalige "Landesheilanstalt Weilmünster am Taunus", dort gestorben am 22.3.1944
Wiesenstraße 27
Ernst Wilhelm Hermann Dorer (Rufname Ernst), wurde am 14. März 1907 in der damals preußischen Gemeinde Lokstedt (heute Hamburg) geboren. Seine Eltern, Ernst Heinrich Dorer, geboren am 16. Oktober 1880 in Lokstedt, und Agnes Lina, geborene Billwitz, geboren am 22. August 1884 in Probstheida (heute ein Stadtteil von Leipzig), hatten am 19. Mai 1906 in der damals preußischen Stadt Altona geheiratet. Ernst Heinrich Dorer war als Reisender/Handelsvertreter tätig.
Das Ehepaar Dorer wohnte zunächst in Lokstedt. Dort kam Ernst Dorer am 14. März 1907 zur Welt. Er hatte zwei jüngere Brüder, über die wir nichts wissen. Seit 1910 wohnte die Familie in der Wiesenstraße 27 in Hamburg-Eimsbüttel.
Ernst Dorer wurde im Alter von sechs Jahren, am 21. April 1913, mit der Diagnose "Epilepsie und Schwachsinn" in den damaligen Alsterdorfer Anstalten aufgenommen. (Der heute nicht mehr verwendete Begriff "Schwachsinn" bezeichnete eine Intelligenzminderung bzw. eine angeborene Intelligenzschwäche.)
Den Eintragungen in seiner Patientenakte zufolge hatte Ernst Dorer eine schwere Geburt erlitten, bei der der Säugling nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wurde. Während seiner Kleinkindzeit soll er an Rachitis gelitten haben. Seine Eltern berichteten, dass bei dem Jungen ab der siebten Lebenswoche Krämpfe und Zuckungen in Händen und Gesicht beobachtet wurden. Er sei einmal aus der Wohnung in der zweiten Etage gestürzt. Mögliche Folgen dieses Sturzes sind nicht vermerkt.
Weitere Informationen über seine frühe Kindheit ergeben sich nur aus der Begründung eines Arztes zur Aufnahme in den damaligen Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf). Dort heißt es: "Hat als Kind, acht Tage alt, mehrere Tage hindurch Krämpfe gehabt, ist in seiner geistigen Entwicklung sehr zurückgeblieben. Spricht sehr wenig, schreit in der Nacht häufiger. Das Kind ist unrein. Äußerlich fällt der große Schädel auf (Hydroceph.), leichtes Schielen, sehr schlechte Zähne. Sonst spielt der Knabe umher und beschäftigt sich. […]."
(Ein Hydrocephalus, auch als "Wasserkopf" bekannt, ist eine krankhafte Erweiterung der Hirnkammern durch einen Aufstau von Hirnwasser (Liquor). Dies führt zu erhöhtem Hirndruck, zu Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Sehstörungen, bei Kindern zu Entwicklungsverzögerungen sowie einer Vergrößerung des Kopfumfangs.)
Ernst Dorer wurde als ein zarter Junge beschrieben, der nicht sprechen konnte. Im Juni 1913 wurde erstmals ein epileptischer Anfall bei ihm beobachtet. In den folgenden Jahren musste Ernst Dorer wiederholt ins Krankenhaus eingeliefert werden u.a. wegen Entzündungen der Mundschleimhaut, Darmkatarrh und Furunkeln.
Seine Eltern waren sehr um ihn bemüht. Seine Großmutter mütterlicherseits besuchte ihn fast jeden Mittwoch und Sonntag.
Ernst Dorer war nicht arbeitsfähig. Er konnte nur sehr mangelhaft sprechen, stand lange Zeit am Fenster und hüpfte dauernd auf und ab. Weder Veronal noch Luminal halfen, ihn zur Ruhe zu bringen und seinen Bewegungsdrang einzuschränken. Nach einer Lungenentzündung im Jahr 1930 soll Ernst Dorer zunächst mehrere Monate lang freundlicher, zugänglicher und auch motorisch ruhiger gewesen sein, sich aber dann wieder wie zuvor verhalten haben. Er war wieder unruhig, sprang und lief, und fuchtelte zugleich mit den Händen unmittelbar vor dem Gesicht. Phasen starker Erregung mit lautem Schreien wurden durch Gaben von Luminal und Bettruhe abgeschwächt. Dennoch wiederholten sich in den Folgejahren starke Erregungsphasen, die auch zu Gefährdungen der Mitpatienten und zu Selbstverletzungen im Gesicht führten.
Ernst Dorers Vater starb am 23. April 1934, seine Mutter am 23. April 1938. Dies blieb in Ernst Dorers Patientenakte unerwähnt, sodass unklar bleibt, ob Ernst Dorer vom Ableben seiner Eltern erfahren hat und die dies auf ihn wirkte. Wir wissen auch nicht, ob der Kontakt zu seiner Großmutter weiter bestanden hat.
Nachdem 1940 in der Patientenakte erneut starke Erregungsphasen festgehalten worden waren, sollen sich diese Zustände ab Mitte 1941 durch die tägliche Gabe von Luminal deutlich gebessert haben. Er konnte allerdings nicht allein essen und musste an- und ausgekleidet werden.
Die Eintragungen enden am 7. August 1943 mit dem Vermerk des Anstaltsarztes und SA-Mitglieds Gerhard Kreyenberg: "Wegen schwerer Beschädigung der Anstalten durch
Fliegerangriff verlegt nach Eichberg."
Während der massiven Luftangriffe auf Hamburg im Sommer 1943 (Operation Gomorrha) erlitten auch die Alsterdorfer Anstalten in der Nacht vom 29. auf den 30. Juli 1943 und dann noch einmal in der Nacht vom 3. auf den 4. August 1943 Schäden. Der Anstaltsleiter, SA-Mitglied Pastor Friedrich Lensch, bat die Gesundheitsbehörde um Zustimmung zur Verlegung von 750 Patientinnen und Patienten, angeblich um Platz für Verwundete und Bombengeschädigte zu schaffen. Mit drei Transporten zwischen dem 7. und dem 16. August wurden insgesamt 468 Mädchen und Frauen, Jungen und Männer in die "Landesheilanstalt Eichberg" bei Eltville am Rhein, in die "Heil- und Pflegeanstalt Kalmenhof" in Idstein im Rheingau, in die "Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen" bei Passau und in die "Landesheilanstalt Am Steinhof" in Wien verlegt.
Ernst Dorer gehörte zu den 76 Kindern und Männern, die am 7. August 1943 in die "Landesheilanstalt Eichberg" gebracht wurden. Nach zwei Monaten, am 13. Oktober, wurde er zusammen mit 421 Menschen in die "Landesheilanstalt Weilmünster am Taunus" verlegt. Unter ihnen waren außer Ernst Dorer mindestens zehn weitere ehemalige "Alsterdorfer" Bewohner.
In Weilmünster lebten die Kranken unter den erbärmlichen Bedingungen. Die Zahl der Todesfälle lag in den Jahren von 1940 bis 1944 weit über dem vorherigen Durchschnitt. Diese traurige Bilanz war das Ergebnis des ständigen Hungers, unter dem die Patientinnen und Patienten von Anfang an zu leiden hatten, ihrer mangelhaften ärztlichen Versorgung bei Krankheiten sowie des gezielten Einsatzes tödlicher Medikamente.
Ernst Dorer starb dort am 22. März 1944 im Alter von 34 Jahren. Wir kennen die offizielle Sterbeursache zwar nicht, es ist aber sehr wahrscheinlich, dass er nicht eines natürlichen Todes starb.
Stand: April 2026
© Ingo Wille
Quellen: Hamburger Adressbuch (diverse Jahrgänge); StaH 332-5 Standesämter 9155 Geburtsregister Nr. 94/1880 (Ernst Heinrich Dorer), 5794 Heiratsregister Nr. 188/1906 (Ernst Heinrich Dorer/Agnes Lina Billwitz), 8127 Sterberegister Nr. 166/1934 (Ernst Heinrich Dorer), 8156 Sterberegister Nr. 190/1938 (Agnes Lina Dorer); Standesamt Weilmünster, Sterberegistereintrag Nr. 286/1944 (Ernst Wilhelm Hermann Dorer). Evangelische Stiftung Alsterdorf, Archiv, Sonderakte V 128 (Ernst Dorer). Harald Jenner, Michael Wunder, Hamburger Gedenkbuch Euthanasie – Die Toten 1939-1945, Hamburg 2017, S. 156. Ernst Klee, "Euthanasie" im NS-Staat, Frankfurt/M 12. Aufl. Mai 2009, S. 427 (Gespräch mit Walter Adlhoch). Christina Vanja (Hrsg.): Heilanstalt - Sanatorium - Kliniken. 100 Jahre Krankenhaus Weilmünster 1897-1997. Kassel 1997, S. 150.


