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Johanna Baruch * 1861
Loogestieg 8 (Hamburg-Nord, Eppendorf)
HIER WOHNTE
JOHANNA BARUCH
JG. 1861
DEPORTIERT 1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 19.4.1943
Johanna Baruch, geboren am 27.10.1861, deportiert am 24.3.1943 nach Theresienstadt und dort am 19.4.1943 verstorben
Loogestieg 8
Johanna Baruch wurde am 27. Oktober 1861 in Hamburg geboren.
Johannas Eltern waren der jüdische Kaufmann Moses Baruch, der am 9. Januar 1845 in Hamburg die aus einer jüdischen angesehenen Familie stammende Elkel Lion geheiratet hatte. Sie bekamen acht Kinder: Fanny, geboren am 28. Januar 1846, Sophie, geboren am 6. September 1847 (und gestorben am 9. Juli 1948), sowie Bertha, geboren am 23. Januar 1849, Helena, geboren am 2. August 1850, Minna, geboren am 12. November 1851 (und am 6. Dezember 1851 gestorben), Jacob, geboren am 13. November 1853, Jenny, geboren am 7. Oktober 1855, sowie Franziska, geboren am 31. Dezember 1857 (verstorben am 25. September 1867).
Moses Baruch nutzte die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die Hamburg seinerzeit jüdischen Unternehmern bot. Unter dem Firmennamen "Baruch und Borchardt" eröffnete er ein Band- und Garnlager in der Straße Neuer Wall 75/Neustadt, das gleichzeitig als Wohnung diente. Mit Fleiß und Geschäftssinn etablierte er seine Familie wie sein Geschäft. Am 30. März 1849 erwarb er das Bürgerrecht in Hamburg.
Über Johannas weitere Kindheit können wir nichts berichten.
Die Familie lebte im Schulterblatt 138. Johanna Baruch heiratete nicht. Sie blieb später als einzige der Geschwister bei ihren Eltern in der Straße Schulterblatt 138/Eimsbüttel, vermutlich, um für diese zu sorgen, wie es zu dieser Zeit für eine ledige Tochter üblich war.
Nach Beendigung ihrer Schulzeit und vermutlich einer Ausbildung an einem Lehrinnenseminar oder einem Studium arbeitete Johanna als Gymnasiallehrerin. In den Hamburger Lehrerverzeichnissen ist sie nicht aufgeführt.
1879 zogen sie in die Straße Schulterblatt 140 und 1884 wechselten Johanna und ihre Eltern erneut ihren Wohnsitz und zogen in die Bogenstraße 22 in Eimsbüttel.
1896 erblindete Johanna und musste ihren Beruf als Lehrerin aufgeben.
Moses, Elkel und Johanna Baruch erhielten oft Besuch von Johannas Schwester Jenny, die mit ihrem Ehemann August Salomon Steinberg in Burgdorf bei Hannover lebte. Das Ehepaar hatte einen Sohn, Henri Steinberg, geboren am 2. September 1885, dessen Besuche die Großeltern erfreuten. In Henris schriftlich überlieferten Bericht erinnert er sich daran, dass Johanna ihm oft Süßigkeiten schenkte.
Am 7. November 1900 verstarb Moses Baruch, und am 7. September 1904 folgte Elkel Baruch. Beide wurden auf dem Jüdischen Friedhof Ilandkoppel in den Gräbern ZZ, Reihe 10, Nr. 296 und 297, beigesetzt.
Aufgrund ihrer Erblindung unterstützten die Eltern nun die Tochter. Nach deren Tod war sie jedoch auf sich allein gestellt. Hilfsmittel wie Blindenstöcke oder andere Unterstützungsangebote standen ihr zu dieser Zeit noch nicht zur Verfügung. Auch die Blindenschrift hatte sie vermutlich nicht erlernt, da die Blindenschrift bei Johannas Erblindung im Jahr 1896 noch kaum verbreitet gewesen war.
Dank der finanziellen Hilfe ihrer Schwester Jenny Steinberg konnte Johanna Baruch Menschen einstellen, die sie bei den täglichen Hausarbeiten tatkräftig unterstützten.
Im Jahr 1906 bezog sie eine Wohnung in der Mansteinstraße 15 in Hoheluft-West. Die Einträge enden im Adressbuch mit dem Jahr 1915.
Für die Jahre 1916 bis 1923 konnten wir keine Hinweise zu Johanna Baruch finden.
1924 wohnte sie zur Untermiete bei Flora Berlin. (Flora Berlin und ihre Tochter Irma wurden am 18. November 1941 nach Minsk deportiert und dort ermordet. Siehe www.stolpersteine-hamburg.de).
Johanna Baruch, die bis dahin wegen ihrer Hilfsbedürftigkeit nie vom Finanzamt veranlagt worden war, wurde nun zur Steuerabgabe herangezogen. Dem Finanzamt war aufgefallen, dass sie über Einkünfte verfügte – nämlich Geld, das sie aus dem Kreis ihrer Familienangehörigen erhielt. Die Höhe der veranlagten Steuer belief sich auf 91 Reichsmark (RM). Am 24. Juli 1934 schrieb der Rechtsanwalt Dehn im Auftrag von Johanna den Syndikus Nathan der Jüdischen Gemeinde an und bat ihn, Einspruch gegen den Steuerbescheid beim Finanzamt einzulegen. Beide stuften die vom Finanzamt erhobenen Verpflichtungen in Höhe von 91 RM als zu hoch ein. Johanna Baruch gab an, völlig mittellos zu sein und zu einem geringen Teil von ihrer Schwester Jenny Steinberg unterstützt zu werden. Es gab noch einen in São Paulo lebenden Vetter, der sie unterstützte.
Am 8. August 1934 erhielt sie ein Einschreiben vom Finanzamt, in dem ihr Zwangsvollstreckungsmaßnahmen angedroht wurden. Dr. Nathan legte erneut Einspruch beim Finanzamt ein. Mit Schreiben vom 14. August 1934 reduzierte das Finanzamt den Betrag auf 40 RM. (Dr. Nathan wurde am 19. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert und in Auschwitz ermordet. Siehe www.stolpersteine-hamburg.de.)
Zwischen 1934 und 1941 wechselte Johanna mehrfach ihre Untermietzimmer: vom Loogestieg 8 über die Oderfelderstraße 42 und den Loogestieg 13 zurück zur Oderfelderstraße 42.
Für sehbehinderte Menschen veränderte sich am 17. Juli 1942 der Alltag grundlegend: Durch eine Anordnung der Gestapo wurde ihnen verboten, die bislang getragenen Armbinden zur Kennzeichnung weiter zu nutzen. Damit verloren sie ein wichtiges Mittel der Orientierung und Sichtbarkeit in einer ohnehin feindlichen Umgebung.
Am 16. September 1942 musste sie ein Zimmer im "Judenhaus" in der Beneckestraße 2 beziehen.
Am 24. März 1943 wurde sie gemeinsam mit 49 weiteren Personen von Hamburg nach Theresienstadt deportiert.
Nur 25 Tage später, am 19. April 1943, starb sie 82jährig in Theresienstadt.
Zum Schicksal der Geschwister von Johanna:
Fanny Baruch heiratete am 9. Januar 1867 Daniel Goldschmidt, der am 10. Oktober 1827 geboren worden war und am 19. Februar 1900 in Nienburg starb. Fanny Goldschmidt starb 1935 in Hannover.
Bertha Baruch heiratete am 19. Mai 1873 Nathan Blau, geboren am 18. Dezember 1845, der am 1. Juli 1902 starb. Bertha Blau starb am 11. März 1934 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Bremervörde beigesetzt.
Helena Baruch heiratete am 24. September 1874 Salomon Löwenbach, geboren am 30. Dezember 1840; seine Familie lebte in Madfeld, wo Salomon Löwenbach auch als Vorsteher der Jüdischen Gemeinde tätig war. 1895 verzog das Ehepaar nach Paderborn. Ihre Sterbedaten sind uns nicht bekannt.
Zu Jacob Baruch konnten wir keine Unterlagen finden.
Jenny Baruch heiratete am 17. August 1882 August Salomon Steinberg, geboren am 17. Oktober 1848, der am 1. Januar 1924 starb. Jenny Steinberg starb am 18. Januar 1941. Die Eheleute lebten in Burgdorf und wurden dort beigesetzt.
Sie hatten am 2. September 1885 den Sohn Henry bekommen. Henry Steinberg heiratete Karoline, geborene Asser (siehe www.stolpersteine-hamburg.de). Sie wurden mit ihrem einzigen Sohn Kurt, geboren am 21. August 1929, von Hamburg am 25. Oktober 1941 nach Lodz/Litzmannstadt deportiert. Henry Steinberg starb in Lodz an Unterernährung. Karoline und Kurt Steinberg wurden nach Auschwitz weiterdeportiert. Kurt Steinberg überlebte den Todesmarsch und nannte sich später Curtis Stanton. Er starb 2019 in Amerika.
© Bärbel Klein
Quellen: 1, 2, 3, 4, 5; StaH, 351-11 AfW 8132, 17692, 46241 (Steinberg); 231-3 Handelsregister B 7068 M. Baruch; 231-7 Handelsregister A 1 Band 6 1727 Moses Baruch; 232-1 Vormundschaftswesen Serie I 5718 Moses Baruch; 314-15 Devisenstelle R1940/701 Johanna Baruch, 30 UA 4 Versteigerungserlöse Andreas Huck; 332-7 Staatsangehörigkeitsaufsicht A I f 88 Bürgerprotokolle Nr. 312; 332-3 Zivilstandsaufsicht B 76 Heirat Nr. 5/1867 Baruch/Goldschmidt, B 82 Heirat 1873 Nr. 249 Baruch/Blau, B 85 Heirat Nr. 460/1874 Baruch/Löwenbach, C 189 Sterbeurkunde 617/1867 Franziska Baruch; 332-5 Heiratsregister Steinberg/Baruch 907/1882, Sterberegister 7937 Nr. 2673/1900 Moses Baruch, 7976 Nr. 2330/1904 Elkel Baruch; 522-01 Jüdischer Religionsverband Steuerakte 992d Johanna Baruch; 741-4 Fotoarchiv K 4200 Baruch; SUB Adressbuch SUB Hamburg - Advanced Search - asearch (uni-hamburg.de) folgende Jahre 1892, 1904, 1905, 1906, 1915, 1924, 1930-1942; Erinnerungen an Hamburg, 2019 überlieferter Erinnerungsbericht von Curtis Stanton; https://www.lwl.org/hiko-download/OA_AR/Brilon-Madfeld_(Bruns)_252-259.pdf; Juden in Hamburg, Freie und Hansestadt Hamburg, Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung, Amt für Schule, Hamburg, 1998; Alfred Gottwald und Diana Schulle, Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich, Wiesbaden 2005.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

