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Stolpersteine in Hamburg
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Milius Hochfeld (o. J.)
Milius Hochfeld (o. J.)
© Privatbesitz

Milius Hochfeld * 1877

Axel-Springer-Platz /Ecke Amelungstraße (Hamburg-Mitte, Neustadt)


HIER WOHNTE
MILIUS HOCHFELD
JG. 1877
VERHAFTET 1944
NEUENGAMME
TOT AN HAFTFOLGEN
26.5.1945 ROTENBURG

Milius Hochfeld, geb. am 2.7.1877 in Höxter, 1944 Haft im KZ Neuengamme, am 26.5.1945 im Britischen General-Hospital in Rotenburg-Unterstedt verstorben

Axel-Springer-Platz/Ecke Amelungstraße (Fuhlentwiete 14)

Milius (Mylius) Hochfeld gehörte zu den jüngeren der Geschwister Hochfeld, die ihre Heimat Höxter im Weserbergland verließen, um in einer Großstadt wie London, Dortmund oder Hamburg zu leben. Von ihnen trafen sich sieben, über Umwege, in Hamburg wieder. Ihre Eltern Josef Hochfeld und Minna, geb. Goldschmidt, hatten 15 Kinder bekommen. Sie hatten ihre Heimat 1901 verlassen und sich in Hannover niedergelassen, wo sie 1905 und 1909 verstarben.

Milius Hochfeld hatte in seiner Heimat Höxter zunächst die jüdische Schule besucht und war 1888 auf das König-Wilhelm-Gymnasium gewechselt, das er 1891 verlassen hatte, um Kaufmann zu werden. Er blieb der Familientradition treu und war nach einer abgeschlossenen Tischlerlehre wie sein Vater, der in Höxter unter anderem mit Möbel- und Polsterwaren handelte, in der "Möbelbranche" tätig. Sein jüngerer Bruder Julius Salomon Hochfeld (geb. 4.3.1880, gest. 1.3.1959), eigentlich Schiffsingenieur, gründete 1923 eine Fabrik für Kontormöbel und Inneneinrichtung in der Hamburger Deichstraße 16. Er und der ältere Bruder Alexander Aron Hochfeld (geb. 26.1.1876, gest. 27.3.1951), Kaufmann in der Gertigstraße 13, konnten Deutschland rechtzeitig verlassen. Weitere Geschwister, die in Hamburg lebten, waren Mary Stoll, geb. Hochfeld, Frieda Hamlet, geb. Hochfeld, Mathias Max Hochfeld und Alfred Hochfeld. Sie überlebten den Nationalsozialismus nicht (zur Familiengeschichte siehe Frieda Hamlet und Mathias Max Hochfeld).

Milius Hochfeld war im Jahre 1902 nach Hamburg gekommen und hatte die ebenfalls jüdische Mathilde Heinemann, geboren am 27. Juni 1872 in Hamburg, kennengelernt. Mathilde wohnte mit ihren Eltern, dem Tapezierer Moses Heinemann und Feiele/Fanny, geb. Katzenstein, in der Caffamacherreihe 52. Am 10. Februar 1905 hatten sie geheiratet. Tochter Elsa/Elsie wurde am 19. November 1905 geboren, Schwester Irma folgte am 26. Dezember 1906.

Im selben Jahr gründete Milius Hochfeld eine Möbelfabrik in der Neustädter Straße 24. Das Ehepaar wohnte zunächst in der Hamburger Innenstadt in der Königstraße 36 (heute ein Teil der Poststraße), dann in der Canalstraße 59 in Hamburg-Uhlenhorst, in der Quickborner Straße 46 und in der Bachstraße 153. Ein drittes Kind, Sohn Erich, kam am 29. August 1914 in der Barmbeker Straße 7 zur Welt. Die Möbelfabrik, in der nach eigenen Angaben zeitweilig bis zu 60 Personen beschäftigt waren, befand sich jetzt in unmittelbarer Nähe in der Barmbeker Straße 9. Familie Hochfeld lebte in gutsituierten Verhältnissen.

Von 1914 bis 1918 nahm Milius Hochfeld als "Musketier" am Ersten Weltkrieg teil, ausgezeichnet mit dem Ehrenkreuz der Frontkämpfer. Ab 1919 wies das Hamburger Adressbuch ihn als Möbelfabrikanten in der Forsmannstraße 6/8 aus. Die Familie lebte im Hofweg 53 im Stadtteil Winterhude. 1923 spendete Milius Hochfeld noch 10.000 (Inflations-)Mark für Bedürftige in seiner Heimat Höxter, geriet dann aber aufgrund der Wirtschaftskrise selbst in finanzielle Schwierigkeiten. Die Möbelfabrik, zuletzt in der kleinen Rosenstraße 10, ließ sich nicht fortführen. Zudem scheiterte seine Ehe, am 7. Januar 1925 ließen sich Milius und Mathilde Hochfeld scheiden.

Mathilde Hochfeld zog mit den Töchtern Elsa und Irma in die Magdalenenstraße 22 nach Harvestehude. Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, übernahm sie, vermittelt durch die Jüdische Gemeinde, Haushaltspflege und andere Arbeiten, bis sie im Juni 1929 einen Schlaganfall erlitt.

Tochter Elsa wurde Lernschwester im Israelitischen Krankenhaus in Breslau. Von dort gelang ihr die Emigration nach England, sie lebte später in den USA. Ihre Schwester Irma besuchte das private Lyzeum Dr. Löwenberg in der Johnsallee und anschließend für ein Jahr die Handelsschule Grone. Sie durchlief eine kaufmännische Ausbildung in einer Möbelfabrik und arbeitete dann als Kontoristin in der Firma London & Continental Export Companie Limited m.b.H., die im Zuckerhandel in der Gröningerstraße 14 tätig war. Am 30. November 1934 heiratete sie Karl Bernhard Hallenstein (geb. 17.7.1904 in Lemgo). Das Ehepaar wohnte im Lehmweg 48.

Als London & Continental 1935 "arisiert" wurde, musste Irma, wie alle jüdischen Angestellten, die Firma verlassen. Bis Juli 1937 arbeitete sie noch in ähnlichen Stellungen. Später war es ihr nicht mehr möglich, Arbeit zu finden. Im Juli 1938 emigrierte sie mit ihrem Ehemann nach Buenos Aires.

Anders als seine Schwestern war Erich nach der Trennung der Eltern zunächst bei seinem Vater im Stadtteil St.Georg, Beim Strohhause 71/73 geblieben. Erich hatte die "Biebersche" Vorschule am Besenbinderhof besucht und wurde dann auf die "Nordseeschule zu Wyk auf Föhr" geschickt. Anschließend besuchte er die Talmud Tora Schule am Grindel und setzte die Familientradition fort, indem er eine kaufmännische Lehre in der Möbelbranche begann.

Als Erich am 29. August 1935 verhaftet wurde, lebte er bei seiner Mutter im Durchschnitt 1. Wie er später vermutete, wurde er denunziert, im Jahre 1933 illegale Zeitungen gelesen und verbreitet zu haben. Das Hamburger Oberlandesgericht verurteilte ihn am 18. Januar 1936 zu einer fünfzehnmonatigen Gefängnisstrafe wegen "Vorbereitung eines Hochverräterischen Unternehmens". Bei seiner Entlassung aus dem Jugendgefängnis Hannover Sand am 4. Dezember 1936 wurde ihm "nahegelegt", Deutschland zu verlassen. Erich Hochfeld konnte am 29. August 1938 nach Argentinien emigrieren, später lebte er in den USA.

Sein Vater Milius war nach der Scheidung eine zweite Ehe eingegangen. Am 29. Juli 1926 hatte er die nichtjüdische Buchhalterin Erna Mathilde Stahl, geboren am 10. August 1901, geheiratet. In dieser Ehe wurden zwei Kinder geboren: Marion am 21. Mai 1927 und Siegfried am 13. Juli 1931.

Milius Hochfeld gründete erneut eine Möbeltischlerei, ließ die Firma im Schulweg 30 allerdings auf den Namen seiner Ehefrau eintragen. Der Betrieb, in dem zunächst noch vier Mitarbeiter beschäftigt waren, rentierte sich nicht und musste nach einem Jahr aufgegeben werden. Das Ehepaar Hochfeld übernahm dann Vertretungen für verschiedene Möbelfabriken. 1933 gaben sie die Wohnung Beim Stohhaus auf und zogen in den Ausschlägerweg 4. 1937 wohnten sie in der Wasmannstraße 5.

Im folgenden Jahr musste Erna Hochfeld die Kunden ihres Mannes übernehmen, da die meisten Möbelhändler mit Juden keine Geschäfte mehr abschlossen und Fabrikanten sich weigerten, Waren zu liefern. Der monatliche Umsatz von 1000 Reichsmark (RM) halbierte sich. Familie Hochfeld geriet in wirtschaftliche Not.

1941 wurde Milius Hochfeld zu einer Geldstrafe von 50 RM oder zehn Tagen Gefängnis verurteilt. Die Anzeige kam Anfang Juni 1940 vom Arzt Hans Göbbels, der eine Praxis am Speersort 4 führte und dessen Honorarrechnung Milius Hochfeld nach einer schweren Hauterkrankung nicht mehr hatte aufbringen können.

"Hochfeld wurde von mir ärztlich behandelt. Er unterdrückte dabei die Tatsache, dass er Jude ist, vielleicht aus der Befürchtung heraus, dass ich aus diesem Grunde seine Behandlung ablehnen würde […] Die Tatsache, dass Hochfeld Jude ist, ergab sich erst nach Abschluß meiner Behandlung, dadurch, dass Hochfeld auf meinen Vorschlag der Krankenhauseinweisung hin die Überweisung an das Jüdische Krankenhaus erbat und auf Rückfrage zugeben musste, dass er Jude ist. Die Verpflichtung, den Namen ,Israel‘ zu führen, hat er mir gegenüber unterlassen, dass dieses nicht rein fahrlässig geschah, ergibt sich aus der Tatsache, dass er auch sein späteres Offenbarungs-Protokoll nur mit dem Vornamen Milius unterschrieb […]."

Den Offenbarungseid hatte Milius Hochfeld leisten müssen, nachdem Hans Göbbels wegen der unbezahlten Rechnungen einen Vollstreckungsbefehl erwirkte. Ein Gnadengesuch seiner Frau Erna vom 23. August 1940, in dem sie die schwierige finanzielle Lage beschrieb (ihr Mann sei seit zwei Jahren krank und verdiene schon seit Jahren nichts) wurde abgelehnt.

Milius Hochfeld wurde als Mann beschrieben, der öffentlich mit seiner politischen Meinung nicht hinterm Berg hielt. Deswegen soll er bereits 1933 zehn Tage in Haft geraten sein und später aus Prinzip nicht mit dem Zwangsnamen "Israel" unterschrieben haben (ab Januar 1939 mussten die Männer den zweiten Vornamen "Israel", die Frauen "Sara" führen). Nach den Rassengesetzen des NS-Staates lebten Milius und Erna Hochfeld in "privilegierter Mischehe", die ihn zunächst vor den Deportationen in den Osten schützte.

Am 27./28. Juli 1943 verlor Familie Hochfeld während der schweren Luftangriffe auf Hamburg ("Operation Gomorrha") ihre 4½ Zimmerwohnung und auch das noch vorhandene Möbellager in der Caffamacherreihe 14 wurde zerstört. Darüber berichtete Tochter Marion in ihrem Wiedergutmachungsantrag: "Nachdem meine Eltern in Hamburg mehrfach umgezogen waren, wohnten wir, meine Eltern, mein Bruder und ich, ab 1. August 1939 in der Fuhlentwiete 14 bis zur Ausbombung im Juli 1943."

Familie Hochfeld gelangte als Bombenflüchtlinge nach achttägiger "Irrfahrt" in die Stadt Weiden (Oberpfalz), wo Marion in einem Rüstungsbetrieb zwangsverpflichtet wurde. 1959 beschrieb sie die Situation: "Ich kann mich an die Zeit an sich noch sehr gut erinnern, denn ich war damals ein Mädchen von 17 Jahren. Wenn mich nicht alles trügt, war mein Vater bis Ende 1943 oder Anfang 1944 bei uns in Weiden/Oberpfalz. Mein Vater ging nach Hamburg zurück. Den genauen Grund hierfür weiß ich nicht, aber ich hatte gemerkt, dass meine Eltern sich nicht mehr so gut verstanden […] Zum Schluß möchte ich noch betonen, dass die Ehe meiner Eltern infolge der jüdischen Abstammung meines Vaters nach 1933 sehr schwierig war, und zwar nicht aus persönlichen Gründen, sondern wegen der durch die jüdische Abstammung bedingten wirtschaftlichen Notlage."

Eine Meinungsverschiedenheit ihrer Eltern, in der die jüdische Abstammung ihres Vaters zur Sprache kam, wurde von einem Gastwirt der NSDAP-Kreisleitung in Weiden gemeldet. Daraufhin wurde Milius Hochfeld aufgefordert, Weiden zu verlassen. Er kehrte nach Hamburg zurück und fand eine Unterkunft in der Finkenstraße 36 in Altona. Milius Hochfeld wurde am 2. Juni 1944 aus unbekannten Gründen von der Gestapo verhaftet und ins KZ Neuengamme überführt. Während seiner Haftzeit wurde die Ehe am 15. Oktober 1944 vor dem Hamburger Landgericht geschieden.

Im April 1945, kurz vor Kriegsende, wurden Häftlinge des KZ Neuengamme in einen separaten Teil des Kriegsgefangenenlagers nach Sandborstel bei Bremervörde verlegt. Sandborstel diente als Auffanglager für mehrere aufgelöste Außenlager des KZs aus dem Bremer und Hamburger Raum. Etwa 2000 Häftlinge starben in kürzester Zeit. Die Versorgung war mehr als unzureichend, zudem brach eine Typhusepidemie aus. Milius Hochfeld befand sich in den letzten Wochen seiner Gefangenschaft wahrscheinlich in Sandbostel und wurde dort am 29. April 1945 von britischen Truppen befreit.

Sicher ist, dass er am 21. Mai 1945 ins Britische General-Hospital 86 in Rotenburg-Unterstedt (heute Rotenburg/Wümme) eingeliefert wurde, wo die befreiten Häftlinge aus Sandborstel medizinisch versorgt wurden. Trotz dieser Betreuung starb Milius Hochfeld fünf Tage später am 26. Mai 1945.

Im Jahre 1947 wurden die Toten aus einem Massengrab in der Nähe des Militärlazaretts auf den Rotenburger Waldfriedhof umgebettet. In einer "Beschreibung der Gräberanlage ehemaliger KZ-Häftlinge auf dem Waldfriedhof mit aktueller Totenliste" von Franz Schneider, wird mit der Grabfeldnummer 208 der Name Hochfeld genannt. Auf Betreiben einer Bürgerinitiative wurde 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges die Gräberanlage auf dem Waldfriedhof neu gestaltet. Auf zehn Stelen sind die Namen und Daten der Toten verewigt.

Milius Hochfelds erste Ehefrau, Mathilde Hochfeld, starb am 11. Februar 1942 im jüdischen "Alten- und Pflegeheim" Laufgraben 37 im ehemaligen Gebäude des Waisenhauses der Jüdischen Gemeinde. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof an der Ilandkoppel in Ohlsdorf beerdigt.

Ihre Brüder Bernhard und Julius Heinemann (s. dort) wurden am 19. Juli 1942 gemeinsam mit ihren Ehefrauen nach Theresienstadt deportiert. Sie haben nicht überlebt.

Milius’ Bruder, Alfred Hochfeld (geb. 23.4.1881) und dessen Ehefrau Julie, geb. Linz (geb. 27.12.1880) wurden am 15. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert und am 15. Mai 1944 in Auschwitz ermordet. An das Ehepaar erinnern Stolpersteine in der Langen Reihe 108 (s. Stolpersteine in Hamburg St. Georg).


Stand: Juli 2018
© Susanne Rosendahl

Quellen: 1; 9; StaH 351-11 AfW 3352 (Hochfeld, Mylius); StaH 351-11 AfW 24557 (Hochfeld, Erna); StaH 351-11 AfW 31492 (Hallenstein, Irma); StaH 351-11 AfW 40337 (Hochfeld, Erich); StaH 351-11 AfW 4606 (Hochfeld, Julius); StaH 213-13 Landesgericht Hamburg – Wiedergutmachung 549 (Hochfeld, Erna); StaH 213-11 Staatsanwaltschaft Landgericht – Strafsachen 1819/41; StaH 424-111 Amtsgericht Hamburg 7947; StaH 332-5 Standesämter 14535 u 1367/1905; StaH 332-5 Standesämter 3526 u 343/1926; StaH 332-5 Standesämter 14202 u 526/1934; StaH 332-5 Standesämter 8180 u 72/1942; Auskunft von Alyn Beßmann, Archiv der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, E-Mail vom 13.9.2013;
http://www.volksbund.de/kriegsgraeberstaette/rotenburgwuemme-waldfriedhof-opfer-der-gewaltherrschaft.html (Zugriff 21.5.2016); Fritz Ostkämper, Juden der ärmeren Schichten – die Familie Hochfeld in: Jacob Pins Gesellschaft Kunstverein Höxter e. V. Jüdische Bürger in Höxter, www.jacob-pins.de (Zugriff 3.2.2015); https://www.stiftung-lager-sandbostel.de/geschichte/befreiung (Zugriff 10.11.2016); Dokumente und Ausführliche Informationen über Familie Hochfeld aus Höxer von Fritz Ostkämper vom 3.7.2016; Meyer: Verfolgung, S. 79–87.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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Stand: © 21.04.2024 09:56:33