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Berta Werbunat
Berta Werbunat
© Wiener Stadt- und Landesarchiv

Berta Werbunat (née Wiese) * 1891

Grabenstraße 10 (Hamburg-Mitte, St. Pauli)


HIER WOHNTE
BERTA WERBUNAT
GEB. WIESE
JG. 1891
EINGWIESEN 1934
HEILANSTALT LANGENHORN
´VERLEGT‘ 16.8.1943
AM STEINHOF / WIEN
ERMORDET 21.8.1944

further stumbling stones in Grabenstraße 10:
Max Bloch

Berta Werbunat, verw. Tidau, geb. Wiese, geb. 25.2.1891 in Eddelstorf (Landkreis Uelzen), nach mehreren Krankenhaus- und Anstaltsaufenthalten ab 28.12.1934 Patientin in der Heil- und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn, am 16.8.1943 abtransportiert nach Wien in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien", dort gestorben am 21.8.1944

Grabenstraße 10

Berta Katharina Dorothea Werbunat (Rufname Berta) wurde am 25. Februar 1891 in dem kleinen Dorf Eddelstorf im heutigen Landkreis Uelzen als Tochter des Landwirts Jürgen Heinrich Christoph Wiese und seiner Ehefrau Katharina Dorothee Elisabeth, geborene Meyer, geboren. Über ihre Kindheit und Jugendzeit wissen wir nichts.
Sie wohnte noch bei den Eltern, als sie beabsichtigte, den Kellner Heinrich August Wilhelm Tidau am 2. November 1912 zu heiraten.

Der Bräutigam war der Sohn des Vorarbeiters August Tidau und seiner Ehefrau Wilhelmine, geborene Stuke. Er war am 15. November 1884 im Dorf Betheln geboren worden, das heute ein Ortsteil der Kleinstadt Gronau im Landkreis Hildesheim ist. Zur Zeit der Eheschließung wohnte er in der heute nicht mehr existierenden Großen Prinzenstraße 41 in der damals noch selbständigen preußischen Stadt Altona.

Zu der Heirat kam es zunächst nicht, wie aus dem Randvermerk auf der vorbereiteten Heiratsurkunde hervorgeht. Dort wurde vermerkt: "Die nebenstehend Aufgeführten sind zur Eheschließung nicht erschienen, daher nebenstehende Eintragung und der folgende Vordruck gestrichen." Drei Tage später, am 15. November, gelang die Heirat dann doch.

Aus dieser Ehe soll eine Tochter hervorgegangen sein, über die wir Näheres nicht wissen.

Heinrich August Wilhelm Tidau nahm als Soldat am Ersten Weltkrieg teil. Er starb am 22. Juni 1918 im Alter von 33 Jahren als Landsturmmann eines Infanterieregiments im Einsatz in einer Stellung in Dixmuiden (Diksmuide) im belgischen Westflandern.

Berta Tidau verdiente nun ihren Lebensunterhalt als Wirtschafterin. Am 23. Dezember 1919 heiratete sie den am 10. Oktober 1882 in Berlin geborenen Schlachter Georg Adolf Werbunat. Das Paar wohnte zur Zeit der Heirat in der Großen Gärtnerstraße 69 (heute Stresemannstraße) in Altona-Altstadt und zog später in die Grabenstraße 10 im Stadtteil St. Pauli.

Anfang Januar 1924 befand sich Berta Werbunat aufgrund psychischer Probleme im Allgemeinen Krankenhaus St. Georg. Ihr Ehemann berichtete, seine Ehefrau sei früher tüchtig gewesen, aber seit mehreren Monaten "manchmal kurz von Gedanken, nachlässiger und gleichgültig". Gegen Weihnachten habe sich die Situation verschlimmert, sie habe stumpf auf dem Sofa gelegen und nicht gesprochen, unsinnige Einkäufe getätigt, Geld von vielen Leuten geliehen und ohne Grund gelacht und gesungen.

Im Krankenhaus St. Georg wurden eine "verlangsamte, zittrige Sprache und ein euphorisches Wesen" festgestellt. Berta Werbunats Schwester gab im Krankenhaus St. Georg an, Berta habe als Kleinkind Krämpfe gehabt.

Am 24. Januar wurde Berta Werbunat wegen "Demenz" in die Staatskrankenanstalt Friedrichsberg überwiesen. Diese Krankenanstalt diente als zentrale Aufnahmeeinrichtung für Menschen mit geistigen Behinderungen und psychischen Erkrankungen in Hamburg.

Bei Berta Werbunat diagnostizierten die Ärzte eine Syphiliserkrankung, deren Behandlung mit einer Malariakur zwar lebenserhaltend wirkte, aber nicht zu einer Besserung des sonstigen körperlichen und geistigen Zustands führte.

Der weitere Verlauf von Berta Werbunats Erkrankung ergibt sich aus einem im Jahr 1930 erstellten Gutachten des Leiters der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg, Wilhelm Weygandt, das für das Landgericht Hamburg im Rahmen des von Georg Adolf Werbunat beantragten Scheidungsverfahrens erstellt wurde. In dem Gutachten sollte beurteilt werden, ob eine Aussicht auf Wiederherstellung der ehelichen Gemeinschaft bestand. Zusammengefasst ergibt sich daraus, dass Berta Werbunat seit Herbst 1923 "vergesslich" und "nervös" gewesen sei. Es wurde von Halluzinationen berichtet. Während ihrer kurzen Urlaube vom Krankenhaus soll sie zu Hause nicht näher bezeichnete "Dummheiten" gemacht und einen verwirrten Eindruck hinterlassen haben. Als ihre Mutter sie zu Besuch nach Limburg mitnehmen wollte, lehnte Berta Werbunat ab, angeblich weil ihr Mann ihr gesagt habe, sie sei noch krank.

Mit der Zeit wurden ihre sprachlichen Äußerungen immer weniger verständlich und inhaltlich ohne fassbaren Inhalt. Im Jahr 1928 konnte sie die Jahreszeiten nicht benennen und glaubte, die Mark habe 10 Pfennig. Gelegentlich gab sie Antworten auf nicht gestellte Fragen. Berta Werbunat wusste zwar, dass sie verheiratet war, konnte aber nicht sagen, was ihr die Ehe bedeutete. Sie wollte nicht geschieden werden. Insgesamt kam Wilhelm Weygandt zu dem Ergebnis, dass eine geistige Gemeinschaft zwischen den Ehegatten nicht mehr möglich war und Berta Werbunat sich nicht in einer nützlichen Beschäftigung außerhalb einer Anstalt halten könne. Durch die seit mehr als drei Jahre dauernde Geisteskrankheit, so Weygandt, sei die geistige Gemeinschaft zwischen den Ehegatten aufgehoben. Es bestehe auch keine Aussicht auf Wiederherstellung dieser Gemeinschaft.

Die Ehe zwischen Georg Wolf und Berta Werbunat wurde mit Wirkung vom 19. Juni 1930 geschieden.

Berta Werbunat lebte weiterhin in der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg bis sie am 28. Dezember 1934 in die Heil- und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn verlegt wurde.

Dort verhielt sie sich ruhig und half bei der Hausarbeit. Sie führte ständig Selbstgespräche. Offenbar gehörte sie zu den "ruhigen, nicht gefährlichen, weiblichen Geisteskranken", die gemäß einem Vertrag aus dem Jahre 1935 von der der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn in das Diakonische Erziehungs- und Pflegeheim Anscharhöhe in Hamburg-Eppendorf überführt werden konnten. Der Wechsel in die Anscharhöhe fand am 3. Juni 1935 statt. Dort wurde über Berta Werbunat in freundlicher Weise berichtet, sie sei mit Hausarbeit beschäftigt und sehr fleißig. Bereits nach zwei Monaten, am 7. August 1935, wurde sie jedoch nach Langenhorn zurückverlegt. Der Grund dafür ist nicht bekannt.

Am 19. November 1940 füllte die Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn den "Meldebogen I" aus. Mit diesem Formular mussten die Anstalten während der ersten Phase der NS-"Euthanasie” von September 1939 bis August 1941 wichtige Daten der Insassinnen und Insassen an die Euthanasiezentrale in Berlin, Tiergartenstraße 4, melden. Die Angaben auf diesen individuellen Meldebögen bildeten die Entscheidungsgrundlage dafür, ob Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen in einer der sechs Gasmordanstalten getötet werden sollten. Über Berta Werbunat wurde u.a. vermerkt, dass sie dement, stumpf, apathisch, jedoch fleißig sei. Die Krankenakte gibt keinen Aufschluss darüber, ob der Meldebogen nach Berlin geschickt wurde. Berta Werbunat lebte weiterhin in der Anstalt in Langenhorn.

Kurz nach den schweren Luftangriffen auf Hamburg Ende Juli/Anfang August 1943 ("Operation Gomorrha") wurden im August mindestens 490 Patientinnen und Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn in andere Anstalten in weniger dicht besiedelten Gebieten verlegt. In einem gemeinsamen Transport am 16. August 1943 wurden 72 Frauen und Mädchen aus Langenhorn zusammen mit 228 Frauen und Mädchen aus den damaligen Alsterdorfer Anstalten nach Wien in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" (auch bekannt als Anstalt "Am Steinhof") abtransportiert. Unter ihnen befand sich Berta Werbunat.

In Wien konnte Berta Werbunat ihr Alter nicht richtig angeben. Sie wurde als örtlich und zeitlich mangelhaft orientiert beschrieben. Die Diagnose lautete "progressive Paralyse”.
(Progressive Paralyse ist eine schwere Spätform der Syphilis. Sie führt als chronische Entzündung des Gehirns zu fortschreitender Demenz, zu Psychosen - oft Größenwahn - und motorischen Lähmungen. Unbehandelt führt sie innerhalb weniger Jahre zum Tod.)

Auch die Wiener Anstalten füllten im März 1944 den "Meldebogen I" aus. Über Berta Werbunat trug das ärztliche Personal ein, sie sei eine völlig demente Patientin, deren Sprache völlig verwaschen, die aber sonst ruhig und verträglich sei. Für Arbeit sei sie "unverwendbar". Die Krankenakte lässt nicht erkennen, welches Ziel mit diesem Meldebogen, der lange nach der zentralen Steuerung der Krankenmorde erstellt wurde, verfolgt wurde und ob er nach Berlin geschickt wurde bzw., ob er auf Berta Werbunats weiteres Schicksal Einfluss hatte.

Anfang Juni 1944 bat Katharina Wiese, die Mutter von Bertha Werbunat, die Wiener Anstalten um Auskunft über das Befinden ihrer Tochter. Die kurze Antwort lautete: "Ihr Zustand ist unverändert, sie ist verloren und schwerfällig; zeitweise machen sich Erscheinungen von Herzschwäche geltend. Gez. Dr. Umlauf".
Berta Werbunat, die zum Zeitpunkt der Aufnahme in Wien noch 50,5 kg wog, hatte inzwischen 20 Prozent ihres Gewichts verloren.

Am 21. August wurde lapidar notiert: "Diarrhoe. Kollaps. 15h30 gestorben".
Als Sterbeursache wurde in dem Sektionsprotokoll die von der Krankenabteilung genannte Diagnose "Marasmus bei Defektparalyse, Enterocolitis acuta, progressive Paralyse, Defektheilung" aufgeführt, als Ergebnis der Sektion "Pneumonia hystostatica, Enterocolitis". (Marasmus ist eine Form der schweren, chronischen Unterernährung. Eine "Defektparalyse” bezeichnet einen dauerhaften, irreversiblen Muskelschwund mit bleibender Schwäche, der im Verlauf von wiederkehrenden Lähmungsattacken entsteht. Eine Enterocolitis acuta ist eine akute Entzündung von Dünn- und Dickdarm. Eine Pneumonia hypostatica ist eine Lungenentzündung, die durch mangelnde Belüftung [Hypoventilation] und Blutstauung in den unteren Lungenabschnitten entsteht.)

Während der ersten Phase der NS-"Euthanasie" war die Anstalt in Wien Zwischenanstalt für die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz. Nach dem offiziellen Ende der Morde in den Tötungsanstalten wurde in bisherigen Zwischenanstalten, also auch in der Wiener Anstalt selbst, massenhaft weitergemordet: durch Überdosierung von Medikamenten und Nichtbehandlung von Krankheiten, vor allem aber durch Nahrungsentzug. Bis Ende 1945 kamen von den 300 Mädchen und Frauen aus Hamburg 257 ums Leben.

Im November 1944 fragte Berta Werbunats Mutter erneut nach dem Befinden ihrer Tochter. Sie erhielt mit Schreiben vom 27. November 1944 die Mitteilung, "dass Frau Berta Werbunat am 21. d.J. in h. o. [hier ortiger] Anstalt gestorben ist. Frau Dorothea Qiese [!], Lüneburg, Billmerstraße 23, wurde am 22. August von hier telegraph. vom Ableben verständigt. Da eine Verfügung nicht getroffen war, wurde die Leiche am Wiener Zentralfriedhof beerdigt."
Die Wiener Anstalt war in dieser wichtigen Angelegenheit offenbar nicht in der Lage den ihr bekannten Namen der Angehörigen richtig zu verwenden, und diese hatte offensichtlich kein Telegramm mit der Todesnachricht erhalten.

© Ingo Wille

Quellen: StaH 332-5 Standesämter 6009 Heiratsregister Nr. 1239 (Heinrich August Wilhelm Tidau/ Berta Katharina Dorothea Wiese), Nr. 1279 (Heinrich August Wilhelm Tidau/ Berta Katharina Dorothea Wiese), 6048 Heiratsregister Nr. 1772/1919 (Georg Adolf Werbunat/ Berta Katharina Dorothea Wiese), 791 Sterberegister Nr. 632/1918 (Heinrich August Wilhelm Tidau); 352-8/7 Abl. 1/1995 Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn Nr. 21030 (Berta Werbunat). Peter von Rönn, Der Transport nach Wien, in: Wege in den Tod, Hamburgs Anstalt Langenhorn und die Euthanasie des Nationalsozialismus, Hrsg. Peter von Rönn und Uwe Lohalm, Hamburg 1993, S. 425-467, 492f.

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