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Bereits verlegte Stolpersteine



Anton Münden 1904
© Nathan Ben-Brith

Aron Anton Münden * 1867

Beim Andreasbrunnen 3 (Hamburg-Nord, Eppendorf)


HIER WOHNTE
ARON ANTON
MÜNDEN
JG. 1867
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
1942 TREBLINKA
ERMORDET

Weitere Stolpersteine in Beim Andreasbrunnen 3:
Hedwig Münden

Anton Münden, geb. 8.7.1867 in Hamburg, am 15.7.1942 nach Theresienstadt deportiert, am 23.9.1942 nach Treblinka weiterdeportiert
Hedwig Münden, geb. Salomon, geb. 22.8.1879 in Hamburg, am 15.7.1942 nach Theresienstadt deportiert, am 23.9.1942 nach Treblinka weiterdeportiert

Beim Andreasbrunnen 3

Als jüngster von drei Söhnen des jüdischen Großhändlers für Federn, Haare, Felle und Roh­produkte Salomon Münden (geb. 30. August 1820 in Altona) und Hanna, geb. Koch (1839–1905), wurde Anton Ahron Münden am Großneumarkt 49 in der Hamburger Neustadt geboren. 1873 erwarb Salomon Münden, der seit 1848 als Mitglied der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg nachweisbar ist, das Hamburger Bürgerrecht, wodurch er auch das Wahlrecht erhielt. Die sechsköpfige Familie lebte in wirtschaftlich gesicherten Verhältnissen.

1874 erfolgte der Umzug der orthodox orientierten Familie in die Straße Kohlhöfen (Nr. 35), in der sich damals noch die jüdische Talmud Tora Schule und eine Synagoge befanden. 1877 starb Salomon Münden. Die Familie lebte nun von finanziellen Rücklagen, zog zum Zeughausmarkt 34 (1879) und später wieder in eine Wohnung in den Kohlhöfen Nr. 40 (1885–1887) und später in die Marktstraße 12 (1890–1892) im Karolinenviertel und hoffte auf eine erfolgreiche Berufstätigkeit der Söhne, um den erworbenen Lebensstandard auch weiterhin aufrechterhalten zu können. 1886 heiratete die Tochter Rosa (1868–1936) in der Elbstraßen-Synagoge (heute Neanderstraße) den Hamburger Kaufmann Moritz Glückstadt (1853–1921), der einen Großhandel mit "Galanterie-, Kurz- u. Pfeifenwaren" in der Wexstraße 35 betrieb.

1887 eröffnete der zweitälteste Sohn Daniel Münden (geb. 20.1.1866 in Hamburg), nach dem Abschluss der Talmud Tora Schule und einer kaufmännischen Lehre, die Import-Agentur für Rohtabake Schröder & Münden. Der älteste Sohn Max Münden (geb. 25. Februar 1865 in Hamburg) besuchte die Schule bis zum Abitur und studierte, nach zwischenzeitlicher kaufmännischer Ausbildung und Tätigkeit, ab 1888 Medizin. Auch Anton Münden, der seinem zweitältesten Bruder Daniel so ähnlich gesehen haben soll, dass die beiden häufig verwechselt wurden, hatte nach dem Besuch der Talmud Tora Schule den Kaufmannsberuf ergriffen.

Er hatte 1898 die Hamburgische Staatsbürgerschaft erworben und am 8. Januar 1903 die Hamburgerin Hedwig Salomon geheiratet. Kurz darauf war er in die Firma des Schwagers Moritz Glückstadt eingetreten, die nun auch einen Verlag für "naturphotografierte" Postkarten betrieb und die Geschäftsräume vom Alten Steinweg 42/43 zur Kaiser-Wilhelm-Straße verlegte. 1909 wurde Anton Münden Mitinhaber der Firma. Im selben Jahr verlegte die Firma ihren Sitz innerhalb der Neustadt von der Kaiser-Wilhelm-Straße 93 ("Kaiser-Wilhelm-Haus") in die Caffamacherreihe 1–5 ("Industriepalast"). Für die Firma fotografierte Anton Münden auch selbst, obwohl auf diesem Gebiet nur Amateur, mit Kamera, Stativ und Magnesium­blitz. Die Firma war dabei nicht an künstlerischen Aufnahmen, sondern an einer möglichst um­fangreichen und gut verkäuflichen Motivauswahl interessiert. Aus diesem Grund wurden gerne Ansichtskarten-Motive von Hotels gewählt, da hier die Nachfrage durch logierende Gäste fast automatisch vorhanden war. Gedruckt wurden die Postkarten in Leipzig bei Glass & Tuscher. Dieser Beruf entsprach jedoch nicht ganz den Vorstellungen, die sich Anton Münden von seiner beruflichen Zukunft gemacht hatte. Er war wohl eher dem Anspruch geschuldet, seiner entstehenden Familie einen entsprechenden Lebensstandard bieten zu wollen.

Die Familie von Hedwig Münden, geb. Salomon, stammte aus Lüne­burg, wo ihr Vater Siegfried Simon Salomon (1842–1917) geboren wurde und als Häute- und Ledermakler tätig war. Dessen Vater Simon Salomon (vermutlich 1889 gestorben) war Lederfabrikant und in Lüneburg Synagogenvorsteher gewesen. Bereits 1877 zog Siegfried Salomon, mittlerweile selbst Lederfabrikant, mit Ehefrau und Tochter Gertrud (geb. 1876) nach Hamburg. 1879 wurde in der Hamburger Neustadt (Große Bleichen 65, 3. Stock) die Tochter Hedwig Sophie geboren, die Religionszugehörigkeit wurde zu dieser Zeit mit "jüdisch" angegeben. 1881 erwarb Siegfried Salomon das Hamburger Bürgerrecht. Die späteren gemeinsamen Adressen von Wohnung und Kontor (Maklerfirma für Leder, Häute und Felle): Mittelweg 64 Gartenhaus (mindestens 1890–1910) und Isestraße 59 Hochparterre (1910–1933) waren ein Ausdruck des wirtschaftlichen Erfolgs von Siegfried Salomon, der gern Skat spielte und in der Wohnung einen Papagei hielt.

Mit der Begründung: "Ich kann zum lieben Gott beten wo ich will", wandte sich Siegfried Salomon von der jüdischen Religion ab und einer Freimaurer-Loge zu. Vermutlich war er Mitglied der 1847 gegründeten Hamburger "Loge zur Bruderkette". So wuchsen seine Kinder nach Aussage der Enkelin mit Abstand zum Tempel und der Jüdischen Gemeinde auf. Statt Chanukka wurde das christliche Weihnachtsfest mit Tannenbaum gefeiert. Auf die Bildung der Kinder legten die Eltern großen Wert; Hedwig besuchte die private Höhere Mädchenschule von "Fräulein" Laura Nemitz (Grindelhof 59), erhielt Klavierunterricht und wollte gern Lehrerin werden. Ihr Bruder Ernst Salomon (geb. 1877 in Lüneburg) starb 1916 als Soldat an der Westfront.

Der Kalender im Hause Salomon blieb von da an auf seinem Todestag, dem 27. Oktober, stehen. Die Schwester Olga Meyer, geb. Salomon, geb. 16. November 1880 in Hamburg, wohnte in der Isestraße; (sie wurde am 19. Juli 1942 ins Getto Theresienstadt deportiert, wo sie am 30. September 1942 starb). Und auch die Schwester Gertrud Cohn, geb. Salomon (geb. 1876 in Lüneburg), bewohnte mit ihrem Mann und den beiden Zwillingssöhnen eine Wohnung in der Isestraße 45. Hedwigs Mutter Betty Salomon, geb. Alexander (1856–1933), die aus Ham­burg stammte, wurde nach dem Tod ihres Mannes von den Schwiegersöhnen finanziell unterstützt. Sie starb 1933 und wurde auf dem Jüdischen Friedhof Ohlsdorf neben ihrem Ehemann beigesetzt.

Im Tierpark von Carl Hagenbeck lernten sich Anton Münden und Hedwig Salomon kennen. Ob dieses Treffen arrangiert war, ist nicht be­kannt. Nach der Heirat verließ Anton Münden die Wohnung Rutschbahn 25 (Rotherbaum), wo im selben Haus auch seine Mutter wohnte. Anton und Hedwig Münden lebten in den gehobenen Wohnquartieren von Harvestehude mit ihrem relativ hohen jüdischen Bevölkerungsanteil: Oberstraße 3 (1907) und deren Parallelstraße Innocentiastraße 61 (1908–1915). Von dort zogen sie vier Jahre nach der Geburt des zweiten Kindes im Dezember 1916 in eine geräumige Sechszimmerhochparterrewohnung in der Straße Beim Andreasbrunnen 3.

Das Etagenhaus mit Fahrstuhl im Stile der Hamburger Jugendstil-Putzbauten war erst wenige Jahre vorher gebaut worden und befand sich in unmittelbarer Nähe zur Eppendorfer Landstraße, mit vielen Geschäften, in denen Familie Münden einkaufte. So das Kolonialwarengeschäft, in dem "Kalifornische Früchte in der Dose" für besonderen Besuch geholt wurden. Die Konditoreien Menden (Haus-Nr. 7) und Nobiling (Haus-Nr. 36), letztere mit angeschlossenem kleinen Biergarten (Konditormeister Georg Nobiling kandidierte 1919 auf einem hinteren Listenplatz der linksliberalen DDP für die Hamburgische Bürgerschaft). Der Delikatessenladen von Albert Hicke (Haus-Nr. 76), dessen Tochter Annemarie eine Schulfreundin von Annelise Münden war. In dieser Straße lag auch das Kaufhaus Dittmer, ehemals Deppe (Haus-Nr. 108–110), eines der ältesten Kaufhäuser Hamburgs. Am Eppendorfer Baum 37, neben dem Gesellschaftshaus mit Kino, gab es die Konditorei von Rudolf Möller, wo Hedwig Münden und deren Mutter gern mal Eiscreme kauften. Am Eppendorfer Baum luden auch ein Lokal mit Musik und ein Restaurant mit Biergarten ein, die Familie Münden auch schon mal aufsuchten.

Wie bei großen, repräsentativen Wohnungen üblich, gab es bei Mündens u. a. drei Balkone (einen zur Straßenseite, zwei nach hinten raus), ein elegantes Herrenzimmer in dunkler Eiche mit Schreibtisch (darauf stand der Fernsprechapparat), Sofa, Ledersessel, Bücherschrank und vier Ölgemälden eines Marinemalers, ein Esszimmer mit ausziehbarem Tisch für 24 Personen und aufwendig gearbeitetem Buffet-Schrank, auf dem gläserne und versilberte Jugendstilvasen und -schalen sowie Kristallkaraffen mit Silberhals und silbernem Deckel standen, ein Wohnzimmer in Kirschbaumholz mit Tisch und sechs Stühlen, zwei Schränken, eingebautem modernen Sofa, französischem Klavier Marke "Plyl", französischer Kaminuhr aus grünem Marmor, Damenschreibtisch sowie ein kleines Zimmer für das Dienstmädchen, das Hedwig Münden zur Hand ging. Zusätzlich beschäftigte sie noch eine Hilfe für Näh- und andere Hausarbeiten, die aber keine Unterkunft in der Wohnung hatte.

Ein Großteil der Wäsche wurde zu einer nahegelegenen Wäscherei gegeben. Eine koschere Speisezubereitung gab es im Hause von Anton Münden nur anfänglich. Während einer Krankheit von Hedwig Münden hatte eine Pflegerin die Speisevorschriften außer Acht gelassen. Danach wurde die koschere Küche nicht wieder eingeführt. Das Mittagessen nahm Familie Münden üblicherweise gemeinsam ein. Freitag war Fischtag und am Sonntag gab es einen Braten, zu dem sich in der Regel auch die Schwiegermutter Betty Salomon aus der Isestraße einfand. Wohl noch aus den Zeiten seiner orthodoxen Prägung vermied Anton Münden Schweinefleisch und wählte stattdessen einen Rinderbraten.

Zum Ersten Weltkrieg wurde Anton Münden aus Altersgründen nicht mehr eingezogen. Stattdessen ging er 1917/18 in Eppendorf als "Bürgerwehr" Streife. Das zu diesem Zweck geschulterte Gewehr sei aber nie geladen gewesen, erzählte er später seiner Tochter ohne Stolz oder Pathos. Im Übrigen sprach man im Hause Münden nicht über Politik oder Geld.

Im Erdgeschoss des Hauses Beim Andreasbrunnen 3 lebte die jüdische Familie des Handelsvertreters Leo Nachum (geb. 7. Juli 1875 in Hamburg) mit seiner Ehefrau Eva. Im Stockwerk über den Mündens wohnte die dreiköpfige Familie Heicke. Carl Heicke war Direktor der Albingia-Versicherung und der Hamburg-Mannheimer-Versicherung, evangelischen Glau­bens und seit 1916 Mieter im Haus. Der Hausarzt der Familie Münden, Paul Bonheim (geb. 1877), war auch "Oberarzt der Inneren Abt. d. Freimaurer-Krankenhauses" wie im Fernsprechbuch von 1930 zu lesen war. Er fuhr zu den Hausbesuchen noch mit einer Kutsche vor und die Kinder der Patienten, Annelise Münden und Gerda Hermann, durften ihn ein Stück des Rückweges in der Kutsche begleiten. Mit Familie Hermann war der große und stattliche Paul Bonheim auch befreundet.

Anton Münden war spätestens seit 1913 Mitglied in der Deutsch-Israelitischen Gemeinde sowie im Tempelverband. Sein Bruder Daniel Münden war seit 1922 Vorstandsmitglied des liberalen Tempelverbandes. Die Verbundenheit der drei Münden-Brüder verdeutlicht ihre Grabreservierung am 6. Dezember 1921: Für sich und ihre Ehefrauen wählten sie einen gemeinsamen Begräbnisplatz für Feuerbestattungen auf dem Jüdischen Friedhof Ohlsdorf (die Schwester Rosa wurde auf dem orthodoxen Jüdischen Friedhof in Langenfelde beigesetzt).

Den Tempel in der Poolstraße (Neustadt) und ab 1931 den neu erbauten Tempel in der Oberstraße (Harvestehude) besuchten Anton Münden und seine beiden Kinder gemeinsam. Anton Münden trug zu diesen Anlässen einen dunklen Anzug und Zylinder. Die Mutter blieb währenddessen im Hause und die Zurückkehrenden trafen sie dort mit einem aufgeschlagenen jüdischen Gebetbuch an. In der Wohnung gab es einen siebenarmigen Chanukka-Leuchter, spezielle Speisen wurden am Sabbat aber nicht verzehrt. Während der Sohn die Bar-Mitzwah 1918 oder 1919 im Tempel gefeiert hatte (jüdisches Ritual zur Aufnahme in den Kreis der erwachsenen Gemeindemitglieder, ähnlich der evangelischen Konfirmation), war es bei der Tochter unterblieben, möglicherweise auch aufgrund der mittlerweile aufgehobenen Reinheitsgebote im Haus Münden. Die Eltern hatten ihr die Entscheidung freigestellt, ein Hinweis auf ihre liberalen Erziehungsmethoden. Den nachmittäglichen jüdischen Religions­unterricht in der Oberrealschule Hegestraße hatte sie aber in den Jahren 1921/22 bei den Rabbinern des Tempels Poolstraße, Jacob Sonderling und Friedrich Rülf, noch besucht. Auch Oberkantor Leo Kornitzer war manchmal bei den Religionsstunden anwesend und unterrichtete die wichtigsten religiösen Lieder.

In Vertretung von Rabbiner Rülf leitete einige Male auch die ältere der Münden-Cousinen, Annemarie Münden (geb. 1898), den Religionsunterricht. Annelise Münden war Mitglied im jüdischen Sportverein Bar Kochba und dort in der Leichtathletik aktiv. Gern ging sie schwimmen, im Sommer ins Freibad am Lattenkamp, in den anderen Jahreszeiten in die Warmbadeanstalt Eppendorf (heute Holthusenbad) mit getrennten Becken für Männer und Frauen. Noch lieber aber ruderte sie mit dem Boot des Cousins und der drei Cousinen aus der Agnesstraße 46 in Winterhude (siehe Biografie Daniel Münden) in den angrenzenden Kanälen. Besonders gern ruderte sie mit einer Freundin bis zur Bucht vor dem Uhlenhorster Fährhaus, um von der Wasserseite, neben den vielen anderen Booten schwimmend, der Konzertmusik zu lauschen. Dort spielte jeden Tag eine Kapelle in einem Pavillon. Zur körperlichen Ertüchtigung ihrer Kinder hatten die Mündens in der Wohnung Beim Andreasbrunnen 3 sowohl Turnringe als auch eine Reckstange angebracht.

Im Januar 1928 wurde die Silberne Hochzeit von Anton und Hedwig Münden im Esplanade-Hotel in der Neustadt gefeiert. Mit Gedichten, Liedern und einer Hochzeitszeitung wurde dem Ehrenpaar von den Gästen gehuldigt. Familie Münden pflegte gutbürgerliche Vorstellungen von Bildung, Kunst und Kultur. In der großen Eingangshalle der Wohnung hingen Stiche und Originalradierungen, Herren- und Wohnzimmer schmückten diverse Ölgemälde. Das Klavierspiel beherrschte Hedwig Münden ebenso wie ihre Tochter Annelise. Letztere erhielt bei "Fräulein" Daus (vermutlich Gertrud Daus) Unterricht, die auch mit dem Onkel mütterlicherseits, Henry Cohn, vierhändig Klavier spielte. Und es gab im Herrenzimmer einen Schrank mit einer großen Anzahl an Büchern: Goethe, Heine, Schiller, Fritz Reuter, Jakob Wassermann, Lion Feuchtwanger, Stefan Zweig, Thomas Mann u. a. Hier war es hauptsächlich Hedwig Münden, die für die passende Lektüre sorgte: für die Tochter anfangs die Nesthäkchen-Bücher von Else Ury sowie Heidi von Johanna Spyri und später Kunstbücher. Bruder Herbert las wie die meisten Jungen seines Alters Karl May.

Auch die Tagespresse wurde gelesen; abonniert war neben dem jüdischen "Hamburger Familienblatt" das liberale "Hamburger Fremdenblatt". Im Hause gab es wohl auch ein Grammophon und ab Mitte der 1930er Jahre ein kleines Radio Modell "Volksempfänger" (im September 1939 wurde Jüdinnen und Juden der Besitz eines Radios untersagt). Annelise Münden ging auch häufiger in das 800 Zuschauer fassende Kino "Harvestehuder Lichtspiele" im Eppendorfer Gesellschaftshaus (Eppendorfer Baum 35–37). Dort sah sie die Ufa-Filme "Der blaue Engel" mit Marlene Dietrich, "Die drei von der Tankstelle" mit Lilian Harvey, Willy Fritsch und Heinz Rühmann und "Der Kongress tanzt", wieder mit dem Traumpaar Harvey/Fritsch.

Nach dem Tod seines Kompagnons Moritz Glückstadt im Jahre 1921 führte Anton Münden die Firma allein weiter. Ein Vertrag zwischen den beiden Inhabern regelte Unterstützungszahlungen an die Witwe des zuerst verstorbenen Firmenbesitzers. Auf diese Weise war sichergestellt, dass Rosa Glückstadt, geb. Münden, finanzielle Zuwendungen erhielt, aber nicht mehr an der Firma beteiligt war. Hedwig Münden erhielt Prokura für die Firma, die seit 1925 Büro­räume in einem großen Geschäftshaus mit Paternoster-Fahrstuhl in der Hamburger Neustadt (Caffamacherreihe 1–5) angemietet hatte.

Im Mai 1929 trat der Sohn Herbert Münden (geb. 1905) als Mitinhaber in die Firma ein. Nach zeitweiligem Besuch der Oberrealschule in der nahegelegenen Hegestraße (Eppendorf) und dem Abschluss an der privaten Wahnschaff-Realschule (Rotherbaum), hatte er eine kaufmännische Lehre bei einer Handelsfirma für Häute und Felle (Bachrach & Loeb) absolviert – eine Branche, in der bereits Großvater und Urgroßvater mütterlicherseits erfolgreich gewirkt hatten. Auch für ihn war die Tätigkeit bei M. Glückstadt & Münden Pflicht und keine frei gewählte Berufsentscheidung. Herbert Münden besaß einen Führerschein und konnte so das Firmenauto fahren, in dem die schwere Fotoausrüstung Platz fand. Aber auch für private Zwecke nutzte Herbert Münden das Fahrzeug der Marke NSU, für das in der Eppendorfer Landstraße eine Garage angemietet war.

Die Wirtschaftskrise 1929/30 führte zu Absatzrückgängen, denn Ansichtskarten waren in diesen prekären Zeiten ein verzichtbarer Artikel. M. Glückstadt & Münden, noch bis zum Ersten Weltkrieg eine der führenden Firmen für Ansichtskarten, löste das angemietete Büro auf und zog Ende 1930 in zwei Zimmer der Wohnung Beim Andreasbrunnen 3, wo neben dem Senior- und dem Juniorchef noch eine Angestellte tätig war. 1935 zog in die schräg gegenüberliegende viergeschossige private Entbindungsklinik der Geschwister Ernst (Beim Andreasbrunnen 6) das NSDAP-Kreisamt I mit Kreispropagandaamt, Kreisrechtsamt, Kreisämtern für Beamte, Erzieher, Technik, Volksgesundheit u. a. ein (Kreisleiter Johannes Lange). 1938 wurde den jüdischen Inhabern von Glückstadt & Münden die Berechtigung, in Deutschland frei zu reisen, entzogen. Für die auf regionale Geschäfte ausgerichtete Firma ein schwerer wirtschaftlicher Schaden, da ohne Reisetätigkeit eine gute Kundenbetreuung nicht möglich war.

Im Zuge des Novemberpogroms 1938 wurde auch Herbert Münden verschleppt. Seine Schwester schilderte 22 Jahre später die Ereignisse gegenüber dem Amt für Wiedergutmachung: "Ich erinnere weiter genau, dass mein Vater seine geschäftliche Tätigkeit nach den Ereignissen des 10. November 1938 sofort gänzlich eingestellt hat. Ich erinnere, dass mein Vater damals mit seinem Buchprüfer und mit meinem jetzigen Ehemann (Dr. jur. Bunzel) eingehend darüber gesprochen hat, ob und wie das Geschäft werden könnte. Mein Bruder Herbert Münden befand sich zu dieser Zeit im Konzentrationslager." Herbert Münden war in der Wohnung seiner Schwiegereltern Aron und Hedwig Reginbogin in der Hansastraße 55 im Stadt­teil Harvestehude verhaftet worden. Auf einer Polizeiwache (vermutlich in der Bundesstraße) konnten die Ehefrau und die Schwester die Wertsachen abholen, die Herbert Münden bei sich gehabt hatte. Er wurde von Hamburg aus ins KZ Sachsenhausen überstellt und dort sechs Wochen gefangen gehalten. Bei seiner Entlassung am 23. Dezember 1938 musste er eine schriftliche Verpflichtung abgeben, über die genauen Umstände der Haft zu schweigen, erinnerte sich seine Schwester.

1939 wurde die Firma M. Glückstadt & Münden "arisiert". Der Kaufmann und "Fachuntergruppenleiter" Hans Andres, der seit 1926 Inhaber eines Ansichtskarten-Verlages mit dem Absatzgebiet Groß-Hamburg war, kaufte Anfang 1939 das Unternehmen M. Glückstadt & Münden, das seinen Schwerpunkt in den Nord- und Ostseebädern, Schleswig-Holstein, Mecklenburg und Brandenburg hatte. Für Vorlagen- und Negativmaterial des "arisierten" Unternehmens "schätzungsweise handelt es sich um 17000 Stück, wovon ca. 2000 neu in den letzten 2 Jahren getätigt sind", zahlte er lediglich 3000 RM. Auch Inventar (u. a. eine neue Mercedes-Schreibmaschine und ein Fotoapparat 4,5 Zeiss Tessar 10x15 mit diversen Linsen), Warenlager (rund 500000 Stück) und Kundenkartei übernahm er. Für den bei Eigentümerwechseln üblichen Firmenmehrwert ("good will"), der z. B. den guten Ruf und positive Ertragsaussichten berücksichtigte, durfte aufgrund staatlicher Vorgaben bei "Arisierungen" kein Ausgleich gezahlt werden. Die Firma M. Glückstadt & Münden wurde am 4. Oktober 1939 im Handelsregister gelöscht. Der gestempelte Vermerk "Im Aufgebot am" und der eingefügte Datumsstempel "23. Juni 1939" dokumentieren den administrativ erzwungenen Verkauf des Unternehmens.

Ab Frühjahr 1939 bemächtigte sich das Deutsche Reich mit ersten Maßnahmen des Privateigentums der Mündens: Gold-, Silber- und Schmuckgegenstände mussten an staatliche Stellen abgeliefert werden und Mündens die neu geschaffene "Judenvermögensabgabe" zah­len. Die Ende März 1939 gegen Anton Münden, Herbert Münden und die Firma eingeleiteten "Sicherungsmaßnahmen" der Devisenstelle zur Sperrung von Vermögenswerten wurden wegen Geringfügigkeit nicht weiter verfolgt.

Die Tochter Annelise Münden (geb. 1912) hatte erst den Kindergarten in der Isestraße und nach dem staatlichen Lyzeum an der Hansastraße (ab 1926 Helene-Lange-Schule) die Privat­schule für Mädchen von "Elise de Fauquemont und A. Lühring" (Eppendorfer Landstraße 57) besucht. Die Schülerinnen dort wussten wohl, welche von ihnen christlichen und welche jüdischen Glaubens waren, im Umgang miteinander und bei der Auswahl von Freundinnen spielte dieser Aspekt aber keine Rolle. Nach Abschluss der Privatschule hatte Annelise Münden an der katholischen St. Anschar-Schule (St. Anschar-Platz 13/Valentinskamp) den Zweig der Höheren Handelsschule absolviert. Nach verschiedenen Anstellungen in Büros begann sie noch eine Ausbildung als zahnärztliche Helferin bei einem nichtjüdischen Zahnarzt, der die Praxis von dem jüdischen Dentisten Massenbacher übernommen hatte (Eppendorfer Land­straße 55). Staatliche Restriktionen verboten es dem Zahnarzt jedoch sie weiter zu beschäftigen. Lediglich bei einer Firma, die im Besitz jüdischer Unternehmer war, konnte Annelise Münden noch eine Lehre beginnen. Durch Vermittlung ihres Onkels Daniel Münden, der Kontakte zum Bankhaus M. M. Warburg & Co. unterhielt, wurde sie im Mai 1937 als Lehr­ling (Kontoristin) in dem renommierten Bankhaus angenommen.

Aber bereits nach einem Jahr waren die Vorschriften erneut verschärft worden und Annelise Münden musste am 15. November 1938 die begonnene Lehre wegen ihrer jüdischen Herkunft abbrechen. Schon vorher waren alle höheren Angestellten des Bankhauses nach ihrer Abstammung befragt worden, so erinnerte sich Annelise Bunzel, geb. Münden, 70 Jahre später, und bei Angabe jüdischer Vorfahren sofort entlassen worden. Annelise Münden entschloss sich schon vor dem Novemberpogrom und der Verschleppung ihres Bruders, Deutschland zu verlassen. Am 10. November 1938 lag die Bürgschaft aus den USA für sie und Franz Bunzel vor, am selben Tag verlobten sich die beiden. Dem bürokratischen Procedere aus Formularen, Genehmigungen und Stempeln folgte am 16. Dezember 1938 die Gepäckkontrolle. Zollsekretär Hans Lerk, seit dem 15. August 1938 beim Zollfahndungsdienst eingesetzt, war beim Packen im Esszimmer der elterlichen Wohnung anwesend, auch die Eltern sahen zu.

Zwar drehte sich der 53-jährige Zollsekretär (der nicht Mitglied der NSDAP war) währenddessen ein paar Mal demonstrativ weg und meinte "packen Sie ein was Sie wollen", aber die 26-jährige Annelise Münden hatte nicht den Mut, nicht deklarierte Wertgegenstände unter die Wäschestücke zu schmuggeln. Denn ihre Anträge auf Mitnahme von Schmuck- und Wertgegenständen waren alle abgelehnt worden (u. a. für 12 der 24 versilberten Essbestecke mit dem Monogramm "M"). In einem amtlichen "Ermittlungsbericht" hielt Zollsekretär Lerk von der Zollfahndungsstelle als Ergebnis der Prüfung fest: "Kleidung und Wäsche sind in angemessenem Rahmen ergänzt worden." Schmuck und Wertgegenstände muss­ten im März 1939 aufgrund einer Verordnung in einem Depot beim Bankhaus M. M. Warburg & Co. hinterlegt werden. Darunter befanden sich auch alte Erbstücke, die später zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen und an die Ankaufstelle Bäckerbreitergang abgeliefert werden mussten. Unter anderem die goldene Taschenuhr von Anton Münden und zwei antike silberne Leuchter, sogenannte "Augsburger Leuchter" (siehe S. 314), die meist im Herrenzimmer auf dem Bücherschrank standen und nur zu besonderen Anlässen benutzt wurden.

Weihnachten 1938 emigrierte zuerst der Verlobte von Annelise Münden, Dr. jur. Franz Bunzel (1896–1969), nach Amsterdam. Aus einer Telefonzelle informierte er seine Verlobte in Hamburg über die geglückte Ankunft.

Vermutlich am 28. Dezember 1938 reiste Annelise Münden nach. An Bargeld durfte sie nur 10 RM mitnehmen. In Amsterdam konnten beide bei Hans Steinschneider (geb. 1895) übernachten. Franz Bunzel hatte nach seiner Entlassung als Richter beim Landgericht zum 1. November 1933 zuletzt das Bankgeschäft Jacques Steinschneider in Hamburg (Admiralitätsstraße 18) geleitet, nachdem dessen Inhaber Hans Steinschneider (zuletzt wohnhaft Eppendorfer Landstraße 47) im Februar 1937 nach Amsterdam emigriert war. Nach dem Pogrom vom 9. November 1938 und einer Durchsuchung seiner Wohnung durch Gestapoleute während seiner Abwesenheit, tauchte Franz Bunzel für 44 Tage unter und erhielt Unterschlupf bei dem nichtjüdischen Grafiker und Künstler Erwin Krubeck im Eppendorfer Stieg 11.

Nicht ohne Grund befürchtete Franz Bunzel, dass gezielt auf ihn als ehemaligen Richter und Sohn des liberaldemokratischen DDP-Abgeordneten Carl Bun­zel Jagd gemacht wurde. Der Kriminalbeamte Willy Rammelsberg (seit 1922 bei der Hamburger Polizei, seit 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP und zur Kriminalpolizei versetzt) soll sich auf diesem Wege für eine juristische Auseinandersetzung aus der Zeit der Weimarer Republik gerächt haben, erinnerte sich Annelise Münden. Auch in der Wohnung Beim Andreasbrunnen 3 tauchte Willy Rammelsberg zusammen mit einem jüngeren Kollegen auf und durchsuchte die Zimmer nach Franz Bunzel. Die Politik der Nationalsozialisten bot für private Rachefeldzüge im Umfeld von staatlicherseits geplanten Übergriffen und Verschleppungen reichlich Gelegenheit.

Annelise Münden und Franz Bunzel beeilten sich, nach Rotterdam zu kommen, wo der holländische Dampfer "Volendam" am 31. Dezember 1938 ablegte.

Ihr Onkel Daniel Münden hatte Annelise Münden 1000 RM zur Finanzierung ihrer Auswanderung überwiesen. Der be­reits nach New York emigrierte Anwalt Hans Zacharias (1897–1938), ein Freund von Franz Bunzel, hatte in New York Kontakt zu Verwandten von Annelise Münden aufgenommen. Daraufhin gab ein Cousin der Mutter, Walter I. Salomon, der in den USA geboren wurde, die erforderliche Bürgschaft für die Einreise von Annelise Münden. Für Franz Bunzel hatte sein bereits im März 1938 in die USA emigrierter Bruder Kurt Bunzel die Bürgschaft übernommen. An Bord des Transatlantik-Liners der Holland America Lijn "Volendam" befanden sich auch etliche Männer mit kahl geschorenem Kopf, die erst kurz vorher aus einem der deutschen Konzentrationslager entlassen worden waren.

Herbert Münden, der seine Schwester Ende Dezember 1938 zur Bahn gebracht hatte, emigrierte fünf Wochen später mit seiner Ehefrau Ellen, geb. Reginbogin, über Amsterdam, London und Kuba nach La Paz/Bolivien. Auch der seit 1932 zur Untätigkeit verdammte Schwie­gervater Aron Reginbogin (geb. 1879 in Minsk) und seine Frau Hedwig, geb. Schüler (geb. 1880), seit 1907 in Hamburg ansässig und seit 1918 Mitglieder der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg, emigrierten im Juni 1939 nach Venezuela. Herbert Münden und Ellen Reginbogin hatten 1936 im Tempel Oberstraße geheiratet; die Hochzeitsfeier war wegen der antijüdischen Stimmung in Deutschland sehr einfach ausgefallen. Über den Schwager Alfred Reginbogin, der schon seit 1929 in Havanna lebte und geschäftliche Kontakte nach Bolivien unterhielt, konnte die Ausreise noch rechtzeitig in die Wege geleitet werden. Alfred hatte auch jahrelang seine Eltern finanziell unterstützt und deren Schiffspassage bezahlt.

In der Folgezeit machten sich die emigrierten Kinder Annelise und Herbert Münden Gedanken, wohin eine Ausreise ihrer Eltern noch möglich sei, und fassten Bolivien als Zufluchtsland ins Auge, obwohl Bedenken bezüglich Klima und Höhenlage bestanden. Franz Bunzel schrieb am 21. August 1939 aus den USA an seinen Schwager Herbert Münden in Bolivien: "Über evtl. Einwanderung Deiner Eltern nach Bolivien haben wir uns ja abschließend im letzten Brief geäußert. Alles andere müssen die Eltern selbst entscheiden. Dani Münden schrieb mir nur vor einigen Tagen, dass er es gelinde gesagt für eine Kateridee hielte. Cochabamba (Bo­livien) ist natürlich schon wesentlich eher m. E. überhaupt in Erwägung zu ziehen wie La Paz (Anmerkung: in 3700 Meter Höhe)." Schon einen Monat vorher hatte Herbert Münden an Schwester und Schwager von der großen Gefahr geschrieben, in der sich die Eltern befänden: "Ihr vergesst scheinbar die neuen Wohngesetze, die Knappheit an Lebensmitteln usw. und der unerträgliche Drang der Partei, es wo möglich, den Juden so schwer wie möglich zu machen. Es braucht nur wieder was passieren (wie z. B. der vorgeschobene Grund für die "Reichskristallnacht", Anm. B. E.) und trotz des Alters wäre mein Vater nicht vor dem K. Z. sicher." Aber Anton Münden wollte nicht nach Bolivien ins Exil.

Die Eheleute Münden erhielten finanzielle Unterstützung von Franz Bunzel, der ihnen Gelder von seinem Sperrkonto bei der Vereinsbank überwies, auf das weiterhin seine gekürzte Pension einging. Noch konnten sie in ihrer Wohnung bleiben, von der sie einen Großteil notgedrungen untervermietet hatten. Der 73-jährige Bruder Daniel Münden emigrierte am 28. Januar 1939 mit seiner Ehefrau nach Amsterdam. Von seinem kleinen Restvermögen gab der ehemals wohlhabende Tabak­händler Daniel Münden seinem Bruder Anton zum Abschied 500 RM.

Von staatlichen Stellen gedrängt, zog das Ehepaar Münden am 23. März 1942 in eine Ein­zimmerwohnung des jüdischen Altersheims in der Frickestraße 24 (Martin Brunn-Stift). Der Verbleib der vielen Möbel aus der großen Wohnung ist ungeklärt. Das Gebäude Frickestraße 24 wurde von den Nationalsozialisten als "Judenhaus" für die Zusammenlegung jüdischer Einwohnerinnen und Einwohner und deren spätere Deportation genutzt. Lebensmittel für Jüdinnen und Juden waren so knapp bemessen, dass die Eheleute Münden auf zusätzliche Essensgaben angewiesen waren, die ihnen von der Nichtjüdin Magda Karl aus der Werderstraße 48 zugesteckt wurden. Auch verwahrte sie die silbernen Essbestecke vor dem Zugriff der staatlichen Institutionen.

Per Einschreiben erhielten Anton und Hedwig Münden einen "Evakuierungsbefehl". Vor ihrer Deportation nach Theresienstadt mussten sie einen "Heimeinkaufvertrag für Gemeinschaftsunterbringung" abschließen und 3800 RM bezahlen. Von staatlicher Seite wurde so suggeriert, es handele sich bei Theresienstadt um ein "Altersgetto", eine Art Siedlung für jüdische Senioren und Seniorinnen im Osten. Gleichzeitig eignete sich der NS-Staat das nach den vorhergehenden Ausplünderungen noch verbliebene Vermögen der Eheleute an. Am 15. Juli 1942 wurden die Eheleute Anton und Hedwig Münden ins Getto Theresienstadt, rund 65 km nördlich von Prag, und von dort am 23. September 1942 weiter ins Vernichtungslager Treblinka deportiert.

Die in der Frickestraße 24 zurückgelassenen Einrichtungsgegenstände wurden vom Staat eingezogen und über den Auktionator Carl F. Schlüter versteigert. Der Erlös von rund 600 RM ging an die Oberfinanzkasse. Versteigert wurde neben einem Kleider- und Wäscheschrank (130 RM) auch der Ledersessel (45 RM) aus dem Herrenzimmer der vorherigen Wohnung, zwei Teppiche für 80 RM, ein ovaler Tisch für 12 RM, Vorhänge, Bettwäsche, Handtücher, Geschirr, ein Gehrock von Anton Münden für 5 RM sowie Schuhe und zwei Kleider von Hedwig Münden für 18 RM.

Das Amtsgericht Hamburg erklärte Anton Münden und seine Ehefrau Hedwig 1949 für tot, als Todesdatum wurde der 8. Mai 1945 festgelegt.

Annelise Münden heiratete im Januar 1939 in den USA Franz Bunzel und nahm, nachdem ihr die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen worden war, 1944 zusammen mit ihrem Ehemann die amerikanische Staatsbürgerschaft an. 1949 siedelte auch ihr Bruder Herbert Münden von Bolivien, wo er als Fotograf Arbeit gefunden hatte, in die USA über.

1951 bot die Hansestadt Hamburg Franz Bunzel bei einem Hamburgbesuch seine alte Richterstelle am Oberlandesgericht an. Bei diesem Besuch forschte Franz Bunzel auch nach dem Verbleib der Wertgegenstände aus dem Besitz seiner Schwiegereltern. In der Silberkammer konnten als Nr. 823 a und 823 b die beiden historischen "Augsburger Leuchter" anhand eines Fotos zugeordnet und ausgehändigt werden. Obwohl die Richterstelle in Hamburg sehr verlockend war, entschieden sich Franz und Annelise Bunzel dagegen. Nach den rechtlosen Jahren der nationalsozialistischen Verfolgungen befürchteten sie, in Deutschland nicht mehr glücklich werden zu können. 1958 und 1963 begleitete Annelise Bunzel ihren Mann bei seinen Besuchen in Hamburg. Erst Mitte der 1970er Jahre besuchte sie noch einmal die Straße Beim Andreasbrunnen, betrat noch einmal das Treppenhaus und die elterliche Wohnung. Aber es wollte sich kein innerer Friede einstellen, zu groß war der Schmerz, zu bewegend die Vergangenheit. Rückblickend meinte sie sogar, es sei ein Fehler gewesen, noch einmal in die Wohnung zurückzukehren.

An Daniel Münden, seine Ehefrau Martha und seinen Sohn Gerhard, die 1943 aus den Niederlanden deportiert wurden, erinnern Stolpersteine in der Agnesstraße 46 in Hamburg-Winterhude. In der Broschüre "Stolpersteine in Hamburg-Winterhude" sind ihre Lebensläufe abgedruckt.

Für Max Münden und seine Ehefrau Martha wurden in der Grindelallee 153 in Hamburg-Rotherbaum Stolpersteine verlegt. Der Lebenslauf von ihnen ist unter www.stolpersteine-hamburg.de nachzulesen.

© Björn Eggert

Quellen: 1; 2; 4; 8; StaH 213-13 Staatsanwaltschaft Landgericht – Strafsachen, 14112/52 (Willy Rammelsberg); StaH 213-13 Wiedergutmachungsamt, Z 1376 und Z 2783 und Z 20398 und Z 20732 und Z 29853; StaH 221-11 Staatskommissar für die Entnazifizierung, F 3348 (Hans Lerk); StaH 221-11 Staatskommissar für die Entnazifizierung, P 20382 (Willy Rammelsberg); StaH 241-2 Justizverwaltung Personalakten, A 1206 (Franz/Francis Bunzel); StaH 314-15 OFP, Fvg 3650 (Anneliese Betty Münden); StaH 314-15 OFP, R 2081/39 (Anton u. Herbert Münden, Münden & Co.); StaH 314-15 OFP, F 2225 (Hans Steinschneider); StaH 314-15 OFP, FVg 4803 (Aron Reginbogin); StaH 332-8 Alte Einwohnermeldekartei, Siegfried Salomon, Ernst Salomon, Moritz Glückstadt; StaH 351-11 AfW, 1156 (ehemals Eg 080767, Anton Münden); StaH 351-11 AfW, 2676 (ehemals Eg 070775, Leo Nachum); StaH (Lesesaal), General-Trau-Register 1863; StaH (Lesesaal), Bürger-Register 1845–1875, L–R (Salomon Münden); StaH (Lesesaal), Bürger-Register 1876–1896, L–Z (Siegfr. Simon Salomon, Daniel Münden); StaH (Lesesaal), Generalregister Heiraten 1903; AB 1866, 1870, 1875, 1879, 1882, 1885, 1887, 1890, 1896, 1902, 1913, 1920, 1938, 1940; Amtliche Fernsprechbücher Hamburg 1895, 1909 und 1910 (Salomon), 1906–1936 (Münden); Gräberkartei Jüdischer Friedhof Ohlsdorf (Münden u. Salomon); Vieth, Hier lebten sie miteinander, 1993, S.23–27 (Glückstadt); Von Villiez, Mit aller Kraft verdrängt, 2009, S. 232 (Bonheim), S. 364 (Münden); Hipp, Kunstreiseführer Hamburg, 1990, S. 396 (Beim Andreasbrunnen); Hanke, Eppendorf, 2001, S. 18 (Beim Andreasbrunnen); Alter, Eppendorf, 1976, S. 89/90 (Nobiling), S. 93 (Andreasbrunnen); Handbuch der Hansestadt Hamburg, 1939, S. 292 (NSDAP-Kreis 1); Handelskammer Hamburg, Firmenarchiv (Glückstadt & Münden, 1921–1939); Hamburger Börsenfirmen, Hamburg 1910, S. 214 (M. Glückstadt & Münden); Bajohr, "Arisierung",1998, S. 357 (Glückstadt & Münden); Sparr, Stolpersteine, 2008, S.178–182 (Daniel, Martha u. Gerhard Münden); Randt, Die Talmud Tora Schule, 2005, S. 207 (C. Z. Klötzel, Erinnerungen an die alte Talmud Tora Realschule); Hamburger Schulmuseum (Auskünfte zu Schulbezeichnungen u. Adressen); Sköllin, Statistische Mitteilungen, Nr. 8, 1919, S. 31, 56 (Carl Bunzel, Georg Nobiling); Büttner, Politischer Neubeginn, 1994, S. 137 (Carl Bunzel, DDP); 10 Telefoninterviews mit der Tochter Annelise Bunzel, geb. Münden (USA), Frühjahr 2009 bis Frühjahr 2010; Jüdisches Museum Berlin, Sammlung Familie Bunzel-Münden, 2006/90/1-109 u. 2007/37/1-267 (inkl. Fotografien); Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, Sonderliste, D1A/1020, Bl.546 (Herbert Münden); www.ancestry.de (eingesehen am 13.4.2009); http://wikipedia.org/wiki/Holland-America_Line (eingesehen am 2.5.2009); www.doew.at/projekte/holocaust/shoah/ maly.html (eingesehen am 6.6.2009); Königliche Kunst – Freimaurerei in Hamburg seit 1737, Ausstellung im Jenisch-Haus, März–November 2009, Jubiläums-Blatt der Loge zur Bruderkette von Dez.1897 (Sim. Salomon, Siegm. Salomon); Stadtarchiv Lüneburg, Meldekartei, Adressbücher 1860, 1869, 1877.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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